Faktencheck: Ceuta, oder die Kunst, aus einem Andrang eine Erzählung zu machen
Als an einem einzigen Tag nach Angaben des Innenministeriums rund 49.000 Menschen aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta strömten, nach örtlicher Zählung bis zu 60.000 an Donnerstag und Freitag zusammen, in einer Stadt von rund 84.000, begann noch während des Geschehens ein zweiter Andrang, der aus Behauptungen bestand. Mindestens 57 Menschen starben bei der Überfahrt, ertrunken oder im Gedränge erdrückt. Die Angaben schwankten zwischen gut 40 und knapp 70 Toten, je nach Quelle und Stunde, ein Zeichen dafür, dass hier gezählt wurde, während noch geschah, was zu zählen war.
Ein Denker der frühen Neuzeit warnte vor den Trugbildern des Marktes, jenen Irrtümern, die entstehen, wenn Worte im Umlauf der Menge sich von den Dingen lösen und ein Eigenleben führen. Was in diesen Tagen über Ceuta kursierte, war eine Musterkarte solcher Trugbilder. Es lohnt, sie einzeln zu nehmen, Behauptung um Behauptung.
„An einem Tag gelangten 49.000 Menschen aus Marokko nach Ceuta.“
Richtig, mit Einschränkung. Das Innenministerium schätzte rund 49.000 Übertritte binnen 24 Stunden, für Donnerstag und Freitag zusammen nannten örtliche Behörden später bis zu 60.000. Beide Zahlen sind wegen des chaotischen Ablaufs vorläufig, und sie sagen nichts darüber, wie viele dauerhaft blieben, denn die meisten kehrten binnen Stunden zurück.
„Ceuta ist nicht Europa, es ist niemand nach Europa gekommen.“
Irreführend. Ceuta liegt geografisch in Afrika, ist aber spanisches Staatsgebiet und damit rechtlich Teil der Union; wer die Grenze überschritt, betrat Unionsboden. Richtig ist allein der zweite Teil des Satzes, dass niemand dadurch das europäische Festland erreichte. Die Exklave steht außerhalb des regulären Schengen-Raums, und für die Weiterreise gelten eigene Kontrollen.
„In Ceuta leben überwiegend Menschen marokkanischer Abstammung.“
Nicht belegt und wahrscheinlich falsch. Die Stadt hat eine große muslimische und marokkanischstämmige Bevölkerung, doch dass diese die Mehrheit der gesamten Einwohnerschaft stelle, lässt sich aus belastbaren Daten nicht ableiten. Die Behauptung dient meist dazu, die Exklave als bereits verloren zu zeichnen.
„Von Ceuta aus reist niemand frei aufs Festland oder in den Schengen-Raum.“
Richtig. Wer von Ceuta weiterwill, wird bei der Reise nach Festlandspanien oder in andere Schengen-Staaten kontrolliert. Ein irregulärer Übertritt nach Ceuta verschafft kein Recht auf freie Weiterreise, Asylanträge werden in der Exklave selbst bearbeitet.
„Spanien und Marokko werden alle Ankömmlinge zurückführen.“
Zu pauschal. Beide Staaten vereinbarten die Rücknahme eines großen Teils der Menschen, doch eine ausnahmslose Rückführung aller ist rechtlich nicht möglich, sobald ein Schutzersuchen zu prüfen ist. Viele kehrten ohnehin aus eigenem Entschluss zurück, weil sie in Ceuta weder Nahrung noch Obdach fanden.
„Mehr als 40.000 waren bereits zurück.“
Richtig. Am Freitagnachmittag zählte die Regierung 25.000 Rückkehrer, bis zum Abend waren es mehr als 48.300 der rund 50.000, fast alle also. Der Großteil ging freiwillig, ein Rückstrom, der schneller war als der Andrang selbst.
„Das Ereignis hatte keine konkreten Folgen.“
Falsch. Spanien entsandte Soldaten und zusätzliche Polizei, die Aufnahme brach unter der Last zusammen, Dutzende starben. Frankreich verschärfte seine Kontrollen, und Italien kündigte Schritte gegen die Freizügigkeit an. Wer von Folgenlosigkeit spricht, übersieht die Toten zuerst.
„43 Menschen starben.“
Nach neuerem Stand zu niedrig. Nachrichtenagenturen und Recherchen zeigen inzwischen mindestens 57 Toten, einzelne spätere Meldungen nannten 67. Belastbar ist derzeit die Angabe von mindestens 57, mit dem Zusatz, dass die Zählung noch nicht abgeschlossen war.
Als an einem einzigen Tag nach Angaben des Innenministeriums rund 49.000 Menschen aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta strömten, nach örtlicher Zählung bis zu 60.000 an Donnerstag und Freitag zusammen, in einer Stadt von rund 84.000, begann noch während des Geschehens ein zweiter Andrang...
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