Europa brennt wieder – Rekordhitze, Evakuierungen, Tote und selbst Atomkraftwerke gehen vom Netz
Europa steht Mitte August unter einer Hitze, die längst nicht mehr nur unangenehm ist, sondern ganze Regionen in den Ausnahmezustand zwingt. Feuerwehren kämpfen gleichzeitig in Frankreich, Großbritannien, Spanien, Deutschland, Kroatien, Albanien und Griechenland gegen Wald- und Flächenbrände, während Böden und Wälder nach Wochen ohne Regen kaum noch Feuchtigkeit enthalten. Frankreich erlebt das trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und zugleich bereits die fünfte Hitzewelle dieses Sommers.
In der Region Landes mussten mehr als 500 Menschen ihre Häuser verlassen, nachdem sich ein Feuer über Nacht durch die Wälder fraß. Erst im vergangenen Monat hatte ein Großbrand bei Bordeaux eine Viertelmillion Menschen vertrieben. Selbst die Stromversorgung bekommt die Hitze zu spüren: Sechs französische Atomreaktoren wurden in den vergangenen Tagen abgeschaltet, teils wegen Hitze und Trockenheit, teils weil ungewöhnlich viele Quallen vor einem Kraftwerk am Ärmelkanal die Kühlwasserzufuhr behinderten.
In Großbritannien brannten in Stourbridge Häuser bis auf die Mauern nieder, 20 bis 30 Gebäude wurden vollständig zerstört. 19 Menschen und sechs Feuerwehrleute kamen wegen Rauchvergiftungen und anderer Verletzungen ins Krankenhaus. In Stoke-on-Trent wurden ein 23-jähriger Mann und eine 24-jährige Frau wegen des Verdachts auf Brandstiftung festgenommen. London meldete am Donnerstag 38,1 Grad und damit den heißesten Tag des Jahres, während England und Wales den trockensten Juli seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1836 hinter sich haben.
Spanien brachte unterdessen die sterblichen Überreste dreier Könige aus dem 11. Jahrhundert aus dem Kloster San Juan de la Peña in Sicherheit, weil sich ein Feuer näherte. Auch Gemälde, liturgische Gegenstände und historische Kleidung wurden abtransportiert. Rund 800 Menschen mussten dort ihre Häuser verlassen, während ein noch größerer Brand in der Provinz Huelva bereits mehr als 300 Quadratkilometer Land verbrannt hat. In Deutschland wurde das gesamte Dorf Gey in Nordrhein-Westfalen mit 1.800 Einwohnern evakuiert, nachdem ein Feuer im Hürtgenwald bis auf rund 300 Meter an die Häuser herankam. Fast 300 Hektar Wald standen in Flammen, und alte Munition aus dem Zweiten Weltkrieg machte die Löscharbeiten zusätzlich gefährlich. Deutschland hat zugleich schon jetzt einen neuen Rekord bei hitzebedingten Todesfällen erreicht: Nach Schätzung des Robert Koch-Instituts starben zwischen Jahresbeginn und dem 2. August rund 12.500 Menschen an den Folgen der Hitze, mehr als im gesamten bisherigen Rekordjahr 2018.
n Kroatien starb bei einem Feuer nahe Omiš ein Mensch, 14 weitere kamen ins Krankenhaus, sieben von ihnen schwebten zeitweise in Lebensgefahr. Mehr als 1.000 Menschen mussten fliehen, 194 Menschen, darunter Kinder, wurden aus dem Meer und von Booten gerettet, nachdem sie vor den Flammen an die Küste oder aufs Wasser geflohen waren. Albanien meldete am Freitag noch elf aktive Brände, während im Norden Griechenlands mehr als 300 Urlauber und Einwohner per Schiff evakuiert wurden.
Auch Belgien und die Niederlande erwarten Temperaturen um 37 Grad, die Niederlande kämpfen gleichzeitig mit schwerer Dürre und örtlichem Wassermangel. Das alles geschieht nicht in irgendeiner fernen Zukunft, sondern jetzt, in Europa, in Ländern, deren Infrastruktur auf lange kalte Jahreszeiten gebaut wurde und die für wochenlange Hitze dieser Art kaum gerüstet sind. Die Verbindung zum menschengemachten Klimawandel ist längst wissenschaftlich belegt, doch die politische Reaktion bleibt vielerorts erschreckend klein gegenüber dem, was sich draußen bereits abspielt. Häuser brennen, Dörfer werden geräumt, historische Schätze aus Klöstern getragen, Menschen sterben an Hitze, und noch immer reden viele über dieses Jahrzehnt, als wäre genug Zeit vorhanden. Die Natur wartet nicht darauf, bis Politik und Gesellschaft sich irgendwann bequem genug fühlen, ihre Lage ernst zu nehmen.