1.
Zuallererst muss betont werden, was offensichtlich ist: Die derzeitige Regierung Nordmazedoniens, dominiert von der Partei VMRO, hat das politische Klima im Land verschärft. Seit Jahren waren die interethnischen Spannungen nicht mehr so hoch. Etwas, das nicht normal ist, ist zur Normalität geworden – nämlich Kampagnen gegen die Albaner, besonders in den sozialen Netzwerken. Aufrufe zur „Tötung von Albanern“ haben zugenommen. Die Regierung schweigt zu dieser Sprache des Hasses. Auch andere Institutionen schweigen. Die Intellektuellen schweigen. Mit wenigen Ausnahmen schweigen auch die mazedonischen Aktivisten der Zivilgesellschaft.
2.
Im heutigen Europa ist es völlig unvorstellbar, dass Studierende vier Jahre lang in ihrer Muttersprache studieren – und ihnen dann bei der Abschlussprüfung (im Jurastudium) beispielsweise vom Justizminister gesagt wird, dass sie diese Prüfung nun in einer anderen Sprache ablegen müssen. In diesem Fall auf Mazedonisch.
Seit zwei Jahren kämpfen albanische Studierende gegen dieses Unrecht, ohne die notwendige politische Unterstützung. Die derzeitige mazedonische Regierung versucht, das zu entwerten, was im letzten Vierteljahrhundert hinsichtlich der Förderung der albanischen Sprache erreicht wurde. Nach der gestrigen Protestaktion erklärte einer der führenden Politiker des politischen Bündnisses VLEN, Izet Mexhiti, öffentlich, dass die juristische Staatsprüfung auf Albanisch abgelegt werden könne. Das ist ein großes Versprechen, und die Öffentlichkeit sollte ihn künftig daran messen. Ein Politiker sollte nur am Grad der Umsetzung seiner Versprechen gemessen werden.
Es gibt einige Widersprüche in den Positionen dieses albanischen Politikers. In der Vergangenheit begrüßte er das Sprachengesetz in Mazedonien. Jetzt sagt er, das Gesetz habe die Probleme nicht gelöst, begrüßt es aber dennoch. Entscheidend ist, dass die Öffentlichkeit bald Klarheit darüber bekommt: Wird dieses Gesetz verbessert oder verschlechtert? Welche Lösung schlägt die derzeitige Regierung in Skopje vor?
3.
Die Realität in Mazedonien sieht auch so aus: Albanisch wird von den Schildern an Nationalstraßen entfernt. Es gibt Bemühungen, die albanische Sprache auch von amtlichen Stempeln zu entfernen, obwohl das Sprachengesetz, das 2019 in Kraft trat, den Gebrauch des Albanischen als Amtssprache im Parlament, in der Regierung, in Gerichten, öffentlichen Unternehmen und in allen Gemeinden erlaubt, in denen Albaner mehr als 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen.
Die Formulierung „20 Prozent“ wurde gewählt, um die Erwähnung der albanischen Sprache zu vermeiden – als hätte die albanische Sprache irgendeinen Makel und wäre nicht eine der ältesten europäischen Sprachen. Warum stört die albanische Sprache mazedonische Nationalisten so sehr? Man kann auch andere Fragen stellen: Warum haben albanische Politiker diese Formulierung akzeptiert? Warum wurde das Problem der juristischen Staatsprüfung bis heute nicht gelöst?
Die derzeitige Regierung und ihre albanischen Partner können und müssen für diese Nachlässigkeit kritisiert werden. Der Fairness halber muss jedoch betont werden, dass auch die DUI das Problem der juristischen Staatsprüfung während ihrer Regierungszeit nicht gelöst hat – und sie war nicht nur einige Monate oder Jahre an der Macht, sondern über zwei Jahrzehnte.
4.
Wenn das endgültige Ziel dieser mazedonischen Regierung die Untergrabung des Ohrid-Rahmenabkommen ist, könnte das Land in tiefere Krisen abrutschen. In den kommenden Wochen wird erwartet, dass das Verfassungsgericht Nordmazedoniens über mehrere Teile des Sprachengesetzes entscheidet. Diese Regierung hat bereits den Mechanismus abgeschafft, der Beschäftigungsquoten für Albaner in staatlichen Institutionen garantierte.
Der mazedonische Premierminister und seine Partei VMRO scheinen sich also nicht bewusst zu sein, dass gerade die Albaner diejenigen sind, die die mazedonische Identität nicht leugnen. Ein Bulgare könnte ein Problem mit der mazedonischen Sprache haben und sie als bulgarischen Dialekt bezeichnen. Es gibt Serben, die Mazedonien lediglich als Erweiterung Serbiens sehen, als serbische Provinz bis Ohrid. Es gibt jedoch keinen ernsthaften albanischen Politiker, der die nationale Identität der Mazedonier leugnet. (Die folkloristischen Figuren unter den Albanern, die sich in patriotischen Kostümen als Fernsehstudio-Falken aufspielen, haben glücklicherweise keinen nennenswerten Einfluss auf die albanische Öffentlichkeit.)
5.
Das Problematische an dieser Situation in Nordmazedonien ist, dass sich das geopolitische Klima verändert hat und weder die Europäische Union noch die USA sich besonders sorgen. Es gibt keine Proteste diplomatischer Kreise gegen die Maßnahmen der mazedonischen Regierung. Keine Rügen. Keine Appelle, dieser Kampagne ein Ende zu setzen. Vielleicht gibt es westliche Diplomaten in Skopje, die privat sagen, dass „die albanischen Studierenden recht haben“, doch öffentlich und laut hat dies bisher niemand ausgesprochen.
Die albanischen Studierenden tun gut daran zu protestieren, aber sie scheinen in jenem Bereich nicht ausreichend organisiert zu sein, in dem solche Kämpfe gewonnen werden: bei der Darstellung des Problems in internationalen Medien. Hunderttausende Albaner aus Mazedonien, die in der Diaspora leben, sind trotz ihres großen wirtschaftlichen und intellektuellen Potenzials unorganisiert oder haben andere Prioritäten.
Die Regierung in Skopje könnte ihren falschen Kurs vielleicht nur durch eine geschlossene Reaktion der Albaner und mit Unterstützung aus Pristina und Tirana ändern. Doch auch in Mazedonien ist das Terrain gespalten: Die politischen Lager aus Tirana unterstützen die eine politische Gruppe, jene aus Pristina die andere. Eine gemeinsame Reaktion darf jedoch nicht folkloristische Parolen bedeuten. Albaner sind und müssen sich als Mitbesitzer des mazedonischen Staates verstehen. Sie zahlen Steuern. Mazedonien ist vor allem mit Unterstützung der Albaner der NATO beigetreten. Auch die wenigen Fortschritte Richtung EU sind zu einem guten Teil ihr Verdienst.
6.
In der gesamten emotional aufgeladenen Debatte, die manchmal sogar apokalyptische Rhetorik annimmt, werden die offensichtlichen Probleme vergessen. Die albanischen Siedlungsgebiete in Mazedonien entvölkern sich. Die Geburtenrate sinkt – wie überall auf dem Balkan – und gleichzeitig sind die Länder nicht attraktiv genug, um junge Menschen zu halten. Jahrzehntelange Misswirtschaft, Korruption und Kriminalität treffen die Gesellschaften ins Mark.
In einem Artikel, der vergangenes Jahr bei der „Balkan Studies Foundation“ veröffentlicht wurde, schrieb die Professorin der Südosteuropäischen Universität in Tetovo, Merita Zulfiu Alili:
„Die Emigration aus Nordmazedonien ist kein neues Phänomen, doch ihr Ausmaß ist inzwischen alarmierend. Rund 38 Prozent der Bevölkerung sind weltweit ausgewandert, davon 18 Prozent in OECD-Länder. Dieser Trend ist besonders ausgeprägt bei jungen und gebildeten Menschen: Mehr als 55 Prozent der Studierenden und 38 Prozent des universitären Personals äußern die Absicht auszuwandern. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergab, dass 42,67 Prozent der Jugendlichen in Nordmazedonien das Land verlassen wollen. Seit 2012 ist die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um 6 Prozent geschrumpft, mit Prognosen eines Rückgangs um 15 Prozent bis 2050. Dieser ‚Brain Drain‘ ist besonders akut in Bereichen wie Gesundheitswesen, Informationstechnologie und Bildung, wo der Verlust von Talenten die Innovationsfähigkeit und die Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen untergräbt.“
Zu den Ursachen erklärt Professorin Zulfiu Alili:
„Die Arbeitsmigration aus Nordmazedonien wird hauptsächlich durch wirtschaftliche Einschränkungen angetrieben. Forschungen zeigen klar, dass niedrige Löhne, mangelnde Sicherheit und schlechte Arbeitsbedingungen die Menschen dazu zwingen, das Land zu verlassen, statt in den lokalen Arbeitsmarkt einzutreten. Anfang 2025 lag der durchschnittliche monatliche Nettolohn bei 43.050 Denar (etwa 700 Euro), während der Mindestlohn im März 2025 auf rund 400 Euro (24.379 Denar) angehoben wurde. Diese Zahlen liegen weiterhin deutlich unter dem europäischen Durchschnitt; die Stundenlöhne in Nordmazedonien sind etwa achtmal niedriger als der europäische Durchschnitt.“
Setzt sich dieser Trend fort, besteht die Gefahr, dass in Mazedonien nur noch Politiker und ihre Klientel zurückbleiben.
7.
Ähnlich dramatisch ist die Situation auch in Albanien und im Kosovo. Nach Jahren des Fortschritts Richtung EU hat sich die Regierung in Tirana entschieden, die Eisenbahnlinie nach Brüssel zu verlassen und auf rostige Balkan-Schienen zu wechseln. Einige scheinbar spektakuläre Gerichtsverfahren gegen Korruption ändern nichts an der Tatsache, dass das System von Korruptionsaffären zerfressen wird und bereits zu verfaulen beginnt. Es gibt weder ausreichenden gesellschaftlichen Widerstand gegen diesen Verfall noch viele kritische Stimmen innerhalb der Regierungspartei.
Der Kosovo steckt seit anderthalb Jahren in einer politischen Lähmung fest – als Folge extremer Polarisierung zwischen den Parteien, ungezügelter Machtambitionen und einer pathologischen Böswilligkeit, die sich inzwischen auch in der Gesellschaft ausbreitet. Ohne eine stabile Regierung riskiert der Kosovo, 800 Millionen Euro an EU-Hilfen zu verlieren. Angesichts dieser Situation werden das Schwenken von Fahnen und das Rezitieren patriotischer Gedichte kein einziges Problem lösen.
von Enver Robelli