Angst fährt mit
Svetlana lebt in Shebekino und überlebte einen Angriff, den ein mehrfach vorbestrafter Mann verübte. Bei dem Täter handelt es sich um Alexei Kostrikin, einen wegen Gewaltdelikten verurteilten Straftäter, der für den Krieg rekrutiert worden war.
In den Grenzregionen Russlands hat sich ein Zustand etabliert, der den Alltag vieler Frauen bestimmt und jede Bewegung zur Abwägung macht. Seit Beginn des Krieges sind Tausende Soldaten in Orte wie Belgorod und Shebekino verlegt worden, viele mit Vorstrafen, viele mit dem Wissen, dass ihnen kaum etwas droht. Wer heute morgens die Wohnung verlässt, weiß nicht, ob er zurückkehrt, ohne verfolgt, bedroht oder angegriffen worden zu sein. Der Fall der Frau aus Shebekino, die von einem bewaffneten Soldaten gewürgt und misshandelt wurde, steht nicht für ein Einzelereignis, sondern für ein Muster. Der Täter war bekannt, bewaffnet, frei unterwegs und hätte längst überwacht werden müssen. Stattdessen konnte er wenige Stunden später erneut töten und vergewaltigen.
Die Angst endet nicht auf der Straße. Sie sitzt in Zügen, in Abteilen, in den Gängen. Frauen meiden Bahnreisen, weil Soldaten in Gruppen auftreten, trinken, bedrängen und sich auf ihre Vergangenheit an der Front berufen, als sei sie ein Freibrief. Wer widerspricht, wird beschimpft, wer Hilfe sucht, wird ignoriert. Die staatliche Botschaft ist eindeutig: Wer Uniform trägt, steht über dem Recht. Hinzu kommt ein System, das Gewalt nicht ahndet, sondern verschiebt. Strafverfahren werden eingefroren, Urteile ausgesetzt, Täter zurück an die Front geschickt. Verbrechen lösen sich nicht auf, sie werden vertagt. Zurück bleiben traumatisierte Frauen, zerstörte Leben und eine Gesellschaft, die lernt, wegzusehen. In Belgorod ist Gewalt kein Ausnahmezustand mehr. Sie ist Teil des Tagesablaufs.
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