Ein weiteres Argument lautet, der Aufstand am Maidan sei ein „westlicher Putsch“ gewesen und hätte Putin herausgefordert. Was ist daran falsch?
Thumann: Alles. Ich war immer wieder in Kiew zu der Zeit und was ich sah, war ein Präsident, nämlich Viktor Janukowitsch, der sich mit drei westlichen Außenministern auf einen langsamen, graduellen Machtübergang geeinigt hatte, während er schon den Präsidentenpalast räumte. Der Mann ist letztlich von selbst gegangen.
Nächster Vorhalt: Die Nato sei entgegen ihrer Versprechungen Richtung Russland vorgerückt und hätte alte Vereinbarungen, die noch Ende der 80er, Anfang der 90er gemacht worden wären, nicht eingehalten.
Thumann: Darin liegen zwei falsche Vorwürfe. Was geschah wirklich? In der Zeit zwischen dem Mauerfall im November 1989 und der Wiedervereinigung im Oktober 1990 hat der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher in einer visionären Rede davon geträumt, dass es irgendwann keine Blöcke mehr gebe und sich daher die Nato auch nicht erweitern müsse. Das war aber wohlgemerkt eine visionäre Rede, die von den Amerikanern und den Sowjets nicht unterstützt wurde. Tatsächlich verhandelte man damals darüber, was mit der DDR passiert, wenn sie sich mit der BRD vereinigt. Und da hat man sich dann mit Gorbatschow darauf geeinigt, dass die USA und die Briten ihre Basen nicht auf das Staatsgebiet der ehemaligen DDR ausweiten. Das wurde eingehalten.
Und die Nato-Osterweiterung?
Thumann: Da gab es einen Vertrag: das Nato-Russland-Abkommen von 1997. Und in diesem Abkommen regelten die Nato und die Russische Föderation ihre Beziehung und das militärische Verhältnis zueinander. Und da war, wie wir eben auch heute aus den Dokumenten, Reden und internen Aufzeichnungen der Amerikaner und der Deutschen wissen, kein lang gehegter Plan der Amerikaner und Deutschen auf eine Erweiterung vorbereitet.
Sondern?
Thumann: Es begann ein Sinneswandel des Westens, der mit dem bangen Blick auf Russland begründet ist. Das Land hatte sich nicht so entwickelt, wie man hoffte. Die Mitteleuropäer sagten: Wir wollen in die Nato, ihr müsst uns Sicherheitsgarantien geben für den Fall, dass die demokratische Entwicklung Russlands kollabiert. 1999 traten Polen, Ungarn, Tschechien und dann 2004 die baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarien bei – auf eigenen Wunsch. Die letzte Nato-Osterweiterung als Osterweiterung fand 2004 statt. Putin hat dieser Osterweiterung zugestimmt! Er sagte, jedes Land soll über das Bündnis, dem es beitreten will, selbst entscheiden können. Damals stand Putin neben dem damaligen SPD-Kanzler Gerhard Schröder und sagte, die Nato-Osterweiterung bedeutet für die Sicherheit der Russischen Föderation keinerlei Einschränkungen. Damit ging die Geschichte der Nato-Osterweiterung 2004 zu Ende, bis nun Finnland beigetreten ist.
Viertes Narrativ: Wolodymyr Selenskyj sei ein gefährlicher Komiker. Von Oligarchen eingesetzt, treibe er Europa in den Weltkrieg.
Thumann: Alle Wirklichkeit spricht gegen diese Behauptung. Er ist ein relativ erfolgreicher Präsident. Interessanterweise nicht bis Kriegseintritt, aber eben gerade seit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Ich selbst sah ihn bis zum Kriegseintritt sehr kritisch. Als dann tatsächlich der russische Überfall stattfand, hat sich Selenskyj in staunenswert vorbildlicher Weise verhalten, weil alle erwarteten, der Mann haut jetzt ab und bringt sich in Sicherheit. Nein, er blieb da. Das war der Beginn des ukrainischen Widerstands. Es ist übrigens auch eine unglaubliche psychologische Leistung, dieses Volk unter diesem Druck zusammenzuhalten. Und deshalb glaube ich, dass er in die Geschichte eingehen wird. Insoweit tritt er auch zu Recht vor Parlamenten auf und bekommt dort Redezeit. Man sollte ihm zuhören.
Kommen wir zur fünften Behauptung: Die Sanktionen nützen letztlich nur Russland.
Thumann: Sie haben Putin nicht abgehalten, die Ukraine zu überfallen. Aber sie haben Russland erheblich geschadet und den russischen Expansionsdrang gebremst, weil es an allen Ecken und Enden fehlt in der Rüstungsindustrie. Selbstverständlich hat Putin Gegenmaßnahmen ergriffen und versucht jetzt, westliche Hightechprodukte über Dubai, die Türkei und China nach Russland einzuschleusen. Aber das reicht nicht. Tatsächlich findet man jetzt immer mehr chinesische Teile in russischen Waffen. China unterstützt also diesen Angriffskrieg. Aber letztlich wird Putin so allmählich zum Vasallen Chinas, das zeigte schon der letzte Besuch von Xi Jinping in Moskau. Der lächelte wie ein gelassener Buddha und blickte auf Putin herab, der sich so ein bisschen wurmartig in seinem Sessel drehte.
Der Moskau-Korrespondent der Zeit Michael Thumann über die hohe Professionalität des russischen Propagandaapparats und die Fehler westlicher Medien im Umgang mit Desinformation und Halbwahrheiten
www.falter.at