Recherchen decken auf: Putin verramscht Russlands Gas an China, während der Kreml seinem Volk die große Weltmacht vorspielt
Wladimir Putin lässt die Ukraine bombardieren, ruiniert Russlands Beziehungen zu Europa und erzählt seinen Landsleuten weiterhin von der wirtschaftlichen Stärke ihres Landes. Die Rechnungen aus seinem eigenen Wirtschaftsministerium erzählen eine andere Geschichte. China bekommt russisches Gas zu Preisen, von denen europäische Käufer früher nur träumen konnten. Durchschnittlich 20 bis 30 Prozent weniger als unter den alten westeuropäischen Vertragsbedingungen. Das Bemerkenswerte daran: Putin ließ sich bereits 2014 darauf ein. Damals gab es noch keinen groß angelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine, keinen Zusammenbruch des europäischen Gasgeschäfts und keine vergleichbare internationale Isolation. Peking verhandelte, Moskau unterschrieb. Heute hängt Gazprom in wachsendem Maße von genau jenem Kunden ab, dem es schon zu besseren Zeiten erhebliche Preisnachlässe einräumte. Der angeblich so überlegene russische Staatsmann hat sein Land in eine Lage gebracht, in der China die wirtschaftliche Schwäche Moskaus für sich nutzen kann.
Wie peinlich die Angelegenheit für den Kreml ist, zeigte sich im September 2026. Das russische Wirtschaftsministerium veröffentlichte Dateien mit Wirtschaftsprognosen und übersah dabei versteckte Tabellenblätter. Darin standen bislang geheim gehaltene Angaben über Gaslieferungen und Verkaufspreise aus den Jahren 2022 bis 2024. Ein russischer Nachrichtenkanal entdeckte die Daten. Kurz darauf verschwanden die Tabellen aus den Regierungsdateien, der Kanal zog seine Veröffentlichung unter Hinweis auf neue Geheimhaltungsvorschriften zurück. Der Energieexperte Sergej Wakulenko vom Berliner Carnegie-Zentrum konnte die Zahlen jedoch auswerten und die Berechnung der chinesischen Gaspreise rekonstruieren. Moskau präsentiert seiner Bevölkerung eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, während die eigenen Behörden offenbar größte Mühe darauf verwenden, die tatsächlichen Geschäftsbedingungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
2025 zahlte China durchschnittlich 240,30 Dollar für 1.000 Kubikmeter russisches Gas. Andere Abnehmer außerhalb der ehemaligen Sowjetunion zahlten 406,50 Dollar. Das entspricht einem chinesischen Preisnachlass von rund 41 Prozent. Für 2026 erwartet das Ministerium 247,90 Dollar aus China und 562 Dollar von anderen Käufern. Der Unterschied würde damit 56 Prozent erreichen. Die Zahlen für 2026 sind noch Prognosen. Doch schon die bestätigten Werte für 2025 machen deutlich, wie unterschiedlich Gazprom seine Kunden behandelt. Hinter dem Vertrag steckt eine Berechnungsformel, die den Gaspreis an Gasöl und Schweröl bindet und die durchschnittlichen Marktpreise der vorangegangenen 9 Monate berücksichtigt. Wakulenko verglich diese Bedingungen mit den früheren europäischen Gasverträgen. Selbst bei hohen Ölpreisen blieb China im Vorteil. Die chinesischen Unterhändler hatten sich 2014 Bedingungen gesichert, die für Gazprom bereits damals erheblich schlechter waren als das europäische Geschäft.
Zwischen 2011 und 2019 hätte die chinesische Preisformel Gazprom rund 18 Prozent weniger Einnahmen eingebracht als die tatsächlichen Gasverkäufe nach Ungarn. Während der europäischen Energiekrise von Mitte 2021 bis Mitte 2023 wäre der chinesische Vertragspreis sogar 77 Prozent niedriger gewesen als der europäische Marktpreis. Selbst Turkmenistan erhält von China gewöhnlich 40 bis 60 Dollar mehr für 1.000 Kubikmeter, wobei die turkmenischen Lieferungen längere Transportwege über Usbekistan und Kasachstan einschließen. In einzelnen Jahren war die russische Preisformel günstiger. Das ändert wenig daran, dass Gazprom seinen chinesischen Großkunden über lange Zeit erhebliche Zugeständnisse machte. Und ausgerechnet dieses Russland, das seine Rohstoffe jahrzehntelang als politisches Druckmittel gegenüber Europa einsetzte, muss heute darauf hoffen, dass Peking ihm weitere große Mengen abnimmt.
Die geplante Pipeline „Kraft Sibiriens 2“ macht Putins selbst verschuldete Lage besonders deutlich. Auf der Jamal-Halbinsel liegen riesige Gasvorkommen, deren Förderung auf europäische Käufer ausgerichtet war. Diese Kunden sind zu einem großen Teil verloren. Der Kreml möchte nun Gas nach China umleiten. Doch weshalb sollte Peking den Russen entgegenkommen? China kennt den Vertrag von 2014. Es kennt die russischen Absatzprobleme. Und es weiß, dass Putin mit seinem Krieg wirtschaftliche Möglichkeiten vernichtet hat, die er heute dringend bräuchte. Die Bedingungen für weitere Lieferungen sind noch Gegenstand von Verhandlungen. Der chinesischen Führung dürfte kaum entgangen sein, wie viel dringender Moskau das Geschäft inzwischen benötigt. Putin kann weiter von einer neuen Weltordnung reden. An den Verhandlungstischen muss Gazprom trotzdem erklären, weshalb China für russisches Gas mehr bezahlen sollte als bisher.
Vieles, was die politischen Führungen inzwischen als große Staatskunst verkaufen, ist bei genauer Betrachtung nur noch eine gewaltige Verarschung der eigenen Bevölkerung. Russland, die Vereinigten Staaten und China treiben mit ihrer Politik eine weltweite Zerstörung bestehender Sicherheiten voran. Die russische Führung lässt einen Angriffskrieg führen und nimmt die Verwüstung ukrainischer Städte in Kauf. Washington setzt unter Trump auf wirtschaftliche Erpressung durch Zölle und macht internationale Beziehungen zum Gegenstand immer neuer Drohungen. Peking verfolgt seine Interessen mit einer wirtschaftlichen Härte, die sich auch in den Verhandlungen mit dem geschwächten Russland zeigt. Diese Regierungen entscheiden bewusst über ihren politischen Kurs. Die Zerstörung, die Kriege und wirtschaftliche Konfrontationen anrichten, ist ihnen bekannt. Trotzdem halten sie an Entscheidungen fest, deren Kosten andere tragen. Beim russischen Gas lässt sich das sogar auf den Dollar genau nachrechnen. Putin hat seinem Land einen Krieg zugemutet, einen gewaltigen Absatzmarkt verspielt und muss jetzt um neue Geschäfte mit China verhandeln. Die chinesische Führung kann sich derweil die alten Verträge ansehen. Schon 2014 musste sie für russisches Gas deutlich weniger bezahlen als Europa. Putin hat seitdem dafür gesorgt, dass Moskau heute noch schlechter verhandeln kann.