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Nordirland

  • Ersteller Ersteller Mulinho
  • Erstellt am Erstellt am
Er erklärt, warum die seit Wochen anhaltenden Unruhen in der nordirischen Hauptstadt unausweichlich waren. Es geht viel um Religion.


Bei Nacht durch Belfast zu fahren, fühlt sich dieser Tage an wie die Rückkehr in die blutigen Zeiten des Nordirlandkonflikts, die von den späten 1960ern bis zum Friedensabkommen 1998 andauerten. Die Gewalt, die jetzt auf Fernsehbildschirmen in der ganzen Welt zu sehen ist, zeigt dabei nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Osten der Stadt. Die Unsicherheit, wohin die Proteste und Unruhen als nächstes wandern, hält die Menschen aber in ganz Belfast von den Hauptstraßen fern. Berufspendler und Kunden haben ihre täglichen Routen und Abläufe in den letzten Wochen geändert – sie verlassen ihr Büro vielleicht ein paar Minuten früher als sonst, um mögliche Auseinandersetzungen zu vermeiden; oder sie haben ihre Weihnachtsgeschenke in Shoppingcentern außerhalb der Stadt gekauft, statt im Zentrum von Belfast.Noch vor ein paar Monaten war eine solche Situation undenkbar. Sowohl die Politiker der pro-britischen Unionisten als auch der pro-irischen Nationalisten sind ganz normal ihrer Arbeit in der Stormont Assembly (dem nordirischen Parlament) nachgegangen. Zwar war nicht alles positiv - Nordirland wurde hart von der wirtschaftlichen Krise getroffen, wie die meisten anderen europäischen Länder auch. Aber es gab auch Gründe zum Feiern, wie die Eröffnungen des hochmodernen Besucherzentrums am Giant‘s Causeway (einem Basaltdamm an der Küste Nordirlands, der von der Unesco zum Weltkulturerbe gezählt wird) und des Docks, an dem die Titanic gebaut wurde. Sportler aus Nordirland, die bei den Olympischen oder Paraolympischen Spielen für Großbritannien oder Irland an den Start gingen, waren relativ erfolgreich. Und unser Golfstar Rory MyIlroy ist weltweit die Nummer eins in seinem Sport.

[h=3]Bis heute ist eine Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten zu spüren[/h]
Doch obwohl Delegationen anderer konfliktreicher Regionen in die Stormont Assembly spazieren, um die Erfolge des Friedensprozesses in Nordirland zu bewundern, sind noch längst nicht alle offenen Fragen beantwortet. Die gesellschaftliche Mittelklasse lebt in einigen Wohngebieten zwar ziemlich durchmischt; in Ortsteilen der Arbeiterklasse hingegen leben Protestanten und Katholiken eher getrennt voneinander, teilweise von Friedenswänden geschützt, die ihre Enklaven voneinander trennen; ihre Straßen sind mit unterschiedlichen Flaggen geschmückt; die Giebel ihrer Wände mit unterschiedlichen Malereien verziert.
In diesen Gebieten sind Arbeitslosigkeit und Entbehrung noch immer an der Tagesordnung. Jungen aus protestantischen, pro-britischen Gegenden sind viel zu oft schlechte Schüler. In diesen Familien herrscht bis heute das Gefühl, dass die pro-irischen Nationalisten viel stärker von dem Friedensprozess profitiert haben, als sie selbst. Offizielle Statistiken zeigen zwar, dass Armut gleichermaßen oft in protestantischen und katholischen Familien zu finden ist - die Wahrnehmung ist aber eine andere. Und diese Wahrnehmung bleibt stark.
Das liegt zum Teil daran, dass das Friedensabkommen von 1998 weder die Armut in Nordirland ausmerzen, noch illegale paramilitärische Organisationen beseitigen konnte. In manch katholischen Wohngebieten der Arbeiterklasse konkurrieren sogenannten "Dissidenten" darum, sich den Mantel der IRA überzustreifen; sie greifen Sicherheitskräfte an. In protestantischen Enklaven konnten die pro-britischen paramilitärischen Ulster Volunteer Force oder die Ulster Defence Association ihre Stärke erhalten. Ihre Anführer positionieren sich auf beiden Seiten als "Beschützer"; einige von ihnen wollen ihren Status und ihre Kontrolle sichern, indem sie eine gesellschaftliche Spannung aufrechterhalten.

[h=3]Die Unruhen zeigen, wie angespannt das Leben in Nordirland ist[/h]
In dieser noch immer aufgewühlten Atmosphäre ist in den Augen der Protestanten das, was die nordirischen Politiker entschieden haben, eine Beleidigung ihrer britischen Identität. Die britische Nationalflagge wehte bisher das ganze Jahr über dem Dach des Rathauses in Belfast. Im letzten Monat aber sprach sich die Ratsversammlung dafür aus, die britische Flagge keine 20 Tage mehr im Jahr über dem Rathaus wehen zu lassen. Anstatt das als eine Art begründeten Kompromiss gegenüber den pro-irischen Bürgern Belfasts zu werten, haben die loyalen Protestanten diese Entscheidung als geplante Beleidung gegen ihre Ehre empfunden. Ihre Wut ist in diesen Tagen für alle sichtbar.Bisher gibt es kein Zeichen, dass die Ratsversammlung kurzfristig ihre Entscheidung rückgängig machen wird. Die Proteste werden weitergehen. Und selbst, wenn sich die Gewalt abschwächt: Die Bilder von Weihnachten und Neujahr in Belfast werden als Erinnerung und als Mahnung erhalten bleiben. Sie zeigen, wie zerbrechlich der Friedensprozess in Nordirland bleibt.





 

In der britischen Provinz Nordirland liegt die katholisch-nationalistische Partei Sinn Fein Umfragen zufolge vorn. Die Partei, die für eine Vereinigung der Provinz mit dem EU-Staat Irland eintritt, hat einer Befragung von Politico zufolge gegenüber ihren Rivalen einen Vorsprung von sieben Prozentpunkten.
 
Medien: Sinn Fein liegt bei Nordirland-Wahl deutlich vorn
Die katholisch-republikanische Partei Sinn Fein hat nach Angaben der BBC bei der Wahl zum nordirischen Regionalparlament nach der ersten Auszählungsrunde den höchsten Stimmanteil erhalten. Demzufolge liegt Sinn Fein mit 29 Prozent der Stimmen weit vor der zweitstärksten Partei DUP mit 21,3 Prozent. Wie der irische Rundfunk RTE gestern unter Berufung auf Sinn-Fein-Kreise berichtete, ist die Partei zuversichtlich, damit auch die meisten Sitze im Regionalparlament zu erhalten.

Für den Landesteil des Vereinigten Königreichs wäre das ein historisches Ergebnis. Sinn Fein galt einst als politischer Arm der militanten Organisation IRA, die mit Waffengewalt für eine Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland kämpfte.

Debatte über irische Einheit

 
Historischer Sieg von Sinn Fein
Die katholisch-republikanische Partei Sinn Fein ist erstmals als stärkste Kraft aus der Parlamentswahl in Nordirland hervorgegangen. Das stand nach Auszählung der meisten Stimmen am Samstagabend fest. Demzufolge errang die einst als politischer Arm der militanten Organisation Irisch-Republikanische Armee (IRA) geltende Partei mindestens 27 der 90 Sitze in der Northern Ireland Assembly. Sinn Fein löst damit die protestantisch-unionistische Democratic Unionist Party (DUP) als stärkste Kraft ab.

Sinn-Fein-Spitzenkandidatin Michelle O’Neill steht nun das Recht zu, den Posten der Regierungschefin zu beanspruchen. Für den zum Vereinigten Königreich gehörenden Landesteil ist das ein historisches Ergebnis. Erstmals könnte eine Politikerin an der Spitze der Regierung stehen, die sich für die Loslösung von London und die Vereinigung mit der Republik Irland ausspricht. Bisher hatten stets Parteien den Regierungschef gestellt, die eine Beibehaltung der Union mit Großbritannien befürworten.

Eine Regierungsbildung könnte aber am Widerstand der (DUP) scheitern, die einen gleichberechtigten Stellvertreter stellen müsste. Dem als Karfreitagsabkommen bekannten Friedensschluss aus dem Jahr 1998 zufolge müssen die stärksten Parteien aus beiden konfessionellen Lagern eine Einheitsregierung bilden.

 
Festnahmen nach Bombenfund an irischer Grenze
Die irische Polizei hat nahe der Grenze zu Nordirland mutmaßlich einen Anschlag verhindert. Bei einer nachrichtendienstlich gestützten Operation am Mittwoch wurde in einem Auto eine Bombe gefunden, wie Polizeichef Justin Kelly heute sagte. Die Fahrerin und später auch ein Mann wurden festgenommen und befragt. Kelly sprach von einem „bedeutenden“ Fund.

30 Jahre langer Konflikt
Der Wagen wurde im Rahmen von Ermittlungen einer Spezialeinheit gegen militante republikanische Splittergruppen gestoppt. Irische Republikaner in Nordirland streben die Vereinigung mit der Republik Irland zu einem vereinigten Irland an – im Gegensatz zu den Unionisten, die den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich befürworten.

Im daraus resultierenden Nordirland-Konflikt, der etwa drei Jahrzehnte dauerte und 1998 weitgehend beigelegt wurde, kamen Tausende Menschen ums Leben.

 
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