Manchmal ist ein Blick über die Grenze ein Blick in die Zukunft. Während in Deutschland der Bundestag über die Präimplantationsdiagnostik (PID) streitet, wird sie in Frankreich schon angewandt. Gestern gaben Pariser Ärzte ein Ereignis bekannt, das je nach Weltanschauung als neuerlicher Durch- oder Dammbruch in der Anwendung von PID gelten wird: die erste Geburt eines sogenannten Rettungsgeschwisterkindes auf französischem Boden. Der kleine Junge Umut-Talha, dessen Name in der türkischen Muttersprache seiner Eltern "Hoffnung" bedeutet, wurde im Reagenzglas gezeugt und mit PID nach einem einzigen Kriterium ausgewählt: Umut-Talha sollte genetisch möglichst präzise zu einem älteren Bruder passen, der an einem seltenen Gen-Defekt leidet. Aus dem Blut der Nabelschnur Umut-Talhas sollen nun Stammzellen für die Therapie seines Bruders gewonnen werden.
Die französische Realität wirft ein Schlaglicht auf die deutsche Diskussion. Denn einen Fall wie Umut-Talha schließen die zahlreichen Befürworter des Gentests an Embryonen bisher als bloße Theorie oder Schreckgespenst aus. Die Erzeugung eines Menschen allein zu dem Zweck, medizinisches Material zur Rettung eines anderen zu gewinnen, lehnen explizit selbst die Politiker ab, die seit Monaten für eine Zulassung der PID auch in Deutschland werben. Auch Peter Hintze (CDU), der Parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und Wortführer der PID-Befürworter, hatte sich stets dagegen verwahrt, der Erzeugung von "Rettungsgeschwistern" oder gar "Designerbabys" das Wort zu reden. Sein Gesetzentwurf sieht vor, die PID bei genetischen Vorbelastungen der Eltern zuzulassen. Diese freilich können in der Formulierung seines Antrages sehr weitgehend ausgelegt werden.
Deshalb hat eine andere Parlamentariergruppe um den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) und den Biologen und SPD-Abgeordneten René Röspel einen konkurrierenden Antrag eingebracht. Dieser will PID nur zulassen, um Totgeburten abzuwenden oder die Geburt von behinderten Kindern mit einer Lebenswahrscheinlichkeit von unter einem Jahr.