
Das wird jetzt sehr persönlich. Ich habe lang überlegt, ob ich das veröffentlichen soll. Aber die Lage ist ernst. Das muss jetzt raus. Und zwar an oberste Stelle.
Sehr geehrte Staatssekretärin Lunacek, Finanzminister Blümel und – natürlich, wer würde ihn vergessen, den, den man jetzt in der Krise als Heiland feiert (gspiarts ihr euch no?) – Kanzler Kurz.
Seit ich denken kann, lebe ich für die Musik, fürs Theater, für den Film. So ist das, wenn man Künstler ist. Und mir ist klar, dass sich Nichtkünstler das vielleicht nicht immer so ganz vorstellen können, und ich verzeihe Ihnen allen, dass Sie wenig Einblick in diese Branche haben, vielleicht auch, dass Sie nicht diese Expertise und die Erfahrung mitbringen, die Menschen haben, die tagtäglich nichts anderes tun. Ich weiß ja schließlich auch nicht, was ein Ministerialbeamter arbeitet. Und das würde ich mir auch gar nicht anmaßen.
Aber – und das ist das, was gerade jetzt so weh tut – Sie schmücken sich gerne mit genau dieser Kulturszene, auf die die ganze Welt mit Bewunderung blickt. Wien, die Weltstadt der Musik, sagt man. Sie gehen auf unsere Konzerte, besuchen unsere Theateraufführungen, schauen unsere Filme, lesen unsere Bücher, haben unsere Gemälde in Ihren Büros hängen. All das, das sind wir. Und wir sind Menschen. Und all diese Künstler*innen lassen Sie jetzt hängen. Wer keinen Nebenjob hat, glauben Sie es mir, hungert zuhause. Und wer einen hat, den traktiert das AMS. Kein Fonds fängt uns auf, geholfen wird nur wenigen.
Es wäre doch eigentlich ganz einfach: Wir müssen wissen, welche Perspektive wir haben. Wann geht es weiter? Wie geht es weiter? Und wie überbrücken wir bis dahin? Ich habe bisher kein einziges Wort von Ihnen dazu gehört. Und es ist ja nicht so, als würden Sie keine Pressekonferenzen geben, im Gegenteil. Ich glaube, Sie haben uns aus dem Blick verloren. Auch wir sind systemrelevant – anders systemrelevant. Denn eines steht fest: In der Kulturbranche läuft etwas sehr Wesentliches anders. Man kann sie nicht einfach abdrehen und wieder hochfahren. Sie wird langfristige Schäden davontragen, die man ab einem gewissen Punkt nicht mehr wieder gutmachen kann.
Erlauben Sie mir an dieser Stelle den Blick in unser Nachbarland, nach Deutschland. Als vernetzter Künstler bin ich natürlich auch mit vielen deutschen Musiker*innen in Kontakt. Auch sie leiden. Aber sie werden gehört. Ihnen werden milliardenschwere Fonds bereitgestellt. Sie bekommen Soforthilfen. Und unabhängig vom Geld: Sie kriegen mehr Wertschätzung. Man versucht sie zu retten. Aber wer rettet uns?
Samma si ehrlich: Wir Künstler*innen in Österreich werden im Stich gelassen. Eine ganze Branche geht zugrunde, wir sind letztgereiht und für Sie unsichtbar. Wir waren die ersten, die gestrichen wurden, und wir werden die letzten sein, die wieder arbeiten dürfen.
Ohne finanzielle, sofortige Unterstützung für alle, vom Lichttechniker bis zum Dirigenten, ohne irgendeinen Plan wird die Kulturszene verschwinden. Wir leben dafür, was wir können, was wir uns hart, but from heart erarbeitet haben, und was die Gesellschaft mit Leben erfüllt.
Falls Sie wirklich bis dahin gelesen haben, dort drüben am Ballhausplatz: Das ist kein Schmäh. Es ist ein Hilfeschrei. Es wird nichts mehr von all dem geben, wenn wir jetzt nicht aufgefangen werden. Kein Konzert, keinen Essay, keine Comedy-Show, keine Tanzaufführung.
Wir stehen am Abgrund. Fangen Sie uns auf. Und zwar uns alle.