Antisemitismus ist kein Randphänomen
Der Judenhass ist in Universitäten, im Kunstbetrieb, auf Schulhöfen, in sozialen Netzwerken und auf der Straße angekommen. Sich gegen ihn zu stellen, ist ein Kampf um Demokratie und Freiheit
Kulturmanager Gerald Matt schreibt in seinem Gastkommentar über den wachsenden Antisemitismus und über Versuche einer Diskursverschiebung.
Nun hat sich ein Verein in Wien gegründet, der den wachsenden Antisemitismus und die zunehmende Einschränkung des jüdischen Lebens auch in Österreich beklagt und Solidarität mit Israel fordert.
Antisemitische Gewalt und die Bedrohung jüdischer Mitbürger nimmt in westlichen Demokratien zu – von der Menschenjagd auf israelische Fußballfans in Amsterdam bis zum Anschlag in Liverpool. An der Berliner Uni wurde ein jüdischer Student halb totgeschlagen, während der Antisemitismusbeauftragte Brandenburgs Morddrohungen erhält. Islamistische Propaganda glorifiziert Gewalt gegen Juden, Sicherheitsbehörden warnen vor erhöhter Terrorgefahr. Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz etwa taxiert das Islamismuspotenzial allein in Deutschland mit über 27.000 Personen, und dies parallel zu einer Migrationspolitik, die kulturelle Konflikte systematisch verdrängt und ihre Folgen tabuisiert.
"Der Zustand jüdischen Lebens ist ein Seismograf für den Zustand der Freiheit insgesamt."
Seit Jahren werden Warnungen davor, dass ungesteuerte Migration aus islamisch geprägten Ländern den Antisemitismus im Westen verstärkt, reflexhaft als "rechts", "islamophob" oder "rassistisch" diskreditiert. Diese moralische Abwehrhaltung hat den öffentlichen Diskurs verengt – und sie hat jüdisches Leben schutzloser gemacht. Denn Antisemitismus ist kein Randphänomen mehr. Er ist in Universitäten, im Kunstbetrieb, auf Schulhöfen, in sozialen Netzwerken und auf den Straßen angekommen.
Tiefes Milieuproblem
So propagiert die BDS-Bewegung gar den totalen politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Totalboykott Israels. Ebenso offenkundig ist die stillschweigende Diskriminierung israelischer Künstlerinnen und Künstler in Museen und bei Biennalen. Auch markieren die einseitigen Profilierungsstrategien des Festwochenintendanten Milo Rau sowie der von der neuen Mumok-Direktorin Fatima Hellberg unterzeichnete Offene Brief gegen Israel keinen Ausrutscher, sondern stehen längst für ein tiefes Milieuproblem. Unter dem Deckmantel von Postkolonialismus und Antiimperialismus wird in Kunstkreisen allzu oft Judenhass salonfähig gemacht und jedwede Kritik am radikalen Islamismus als Rassismus delegitimiert. Karl Markus Gauß weist in einem brillanten Text zu Jean Améry auf dessen 1969 veröffentlichten Essay "Der ehrbare Antisemitismus" hin: "Dieser neue Antisemitismus von damals will freilich nicht als solcher gelten, wie der heutige sucht er nach ehrbaren Gründen, die ihn rechtfertigen, und achtbar machen."
Der Judenhass ist in Universitäten, im Kunstbetrieb, auf Schulhöfen, in sozialen Netzwerken und auf der Straße angekommen. Sich gegen ihn zu stellen, ist ein Kampf um Demokratie und Freiheit
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