Das Schweigen der Tanker – Wie der Iran-Krieg Katar an die Wand drückt!
Katar wurde reich, weil Gas das tat, was Wüstensand niemals konnte. Es verwandelte eine kleine Halbinsel am Persischen Golf in eines der reichsten Länder der Erde. Aus staubigen Straßen wurden Glasfassaden, aus leeren Flächen ganze Städte. Doha wuchs nach oben, Ras Laffan wurde zum Herzstück einer Energieindustrie, die Jahr für Jahr Milliarden in die Staatskassen spülte. Mit diesem Geld entstanden eine der teuersten Fußball-Weltmeisterschaften der Geschichte, ein Staatsfonds mit Beteiligungen auf mehreren Kontinenten und eine Zukunft, die längst nicht mehr nur auf Öl und Gas beruhen sollte.
Dann kam der Krieg.
Seit der Sperrung der Straße von Hormus verlässt praktisch kein Flüssiggas mehr Katar. Die Route, über die jahrzehntelang Energie Richtung Europa und Asien floss, ist blockiert. Gleichzeitig trifft die Unterbrechung auch die Versorgung des Landes selbst. Fahrzeuge, Lebensmittel und Waren aus aller Welt gelangen nur noch mit Umwegen oder erheblich höheren Kosten ins Land. Besonders hart trifft Katar, dass es anders als Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate keine Ausweichwege besitzt. Die Geografie macht aus dem Land eine Sackgasse.
Die Folgen sind inzwischen sichtbar. Die Industrieanlagen in Ras Laffan stehen weitgehend still. Verladekräne bewegen sich nicht mehr. Hotels melden deutlich weniger Gäste, internationale Unternehmen ziehen Mitarbeiter ab und selbst Orte, die vor wenigen Monaten noch mit Besuchern gefüllt waren, wirken plötzlich leer. In Lusail, der Stadt mit künstlichem Schnee und aufwendig gestalteten Einkaufswelten, saß zuletzt während einer großen Wassershow gerade einmal ein einzelner Zuschauer auf einer Mauer und aß ein Sandwich. Besonders schwer wiegt ein weiterer Schlag. Iranische Raketen- und Drohnenangriffe beschädigten Teile der Anlagen in Ras Laffan und reduzierten die Produktionskapazität deutlich. Selbst wenn die Straße von Hormus morgen wieder geöffnet würde, könnte es Jahre dauern, bis die frühere Leistung wieder erreicht wird. Jeden weiteren Tag verliert Katar hunderte Millionen Dollar.
Das Problem endet nicht beim Gas. Katar importiert rund neunzig Prozent seiner Lebensmittel. Obst und Gemüse, die früher auf Schiffen ankamen, werden nun per Flugzeug eingeflogen oder auf langen Landwegen transportiert. Der Staat hält Preise mit Subventionen künstlich niedrig, doch die Rechnung verschwindet nicht. Sie landet nur an anderer Stelle. Über Jahrzehnte verkaufte Katar der Welt Stabilität. Genau diese Stabilität ist plötzlich zum wertvollsten Gut geworden. Denn Geld kann Städte bauen. Geld kann Straßen bauen. Geld kann sogar künstlichen Schnee in die Wüste bringen. Aber Geld allein kann keine geschlossenen Meerengen öffnen.