Als Waldheim die Republik erschütterte
Ein Ex-Mitarbeiter, Ferdinand Trauttmansdorff, erinnert sich an eine vergebene Chance
Vor 40 Jahren, am 8. Juli 1986, wurde Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten angelobt. Die aufwühlende politische Debatte dazu ist schon geschildert worden („Der Mann, der seine Pflicht erfüllte“). Resümierend kann man sagen: Waldheim war kein Kriegsverbrecher, aber er wusste aufgrund seiner Position genau Bescheid über Kriegsverbrechen, und er versuchte später, dieses Wissen zu verbergen.
Erste Enthüllungen
Die Affäre war aber auch eine versäumte Chance der Aufklärung, wie heute einer aus der kleinen Gruppe von damaligen Wahlkampf-Mitarbeitern Waldheims meint. Botschafter i.R. Ferdinand Trauttmansdorff, in einem Text, aus dem in dieser Kolumne zitiert wird: Man habe einen "über den Parteien stehenden, international anerkannten Kandidaten" unterstützt. Als dann die ersten Enthüllungen auftauchten, sei eines klar geworden:
"Dies bedeutete zwar eine Herausforderung für Waldheim und seine Mitstreiter, war aber durchaus auch eine große Chance! Das Narrativ eines Österreich, das sich als 'erstes Opfer' der Naziherrschaft von einer Mitverantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes befreit sah, sollte endlich einem Bekenntnis zur Rolle der Österreicher gerade und vor allem gegenüber den bis dahin viel zu wenig beachteten tatsächlichen Opfern dieses Regimes weichen. Dies konnte eine neue Grundlage für ein modernes, demokratisches, wertebestimmtes und damit auch tatsächlich 'westeuropäisches' Österreich werden."
Trauttmansdorff berichtet, dass die Gruppe um Waldheim "durchaus auch eine Auseinandersetzung mit der Lebensphase Kurt Waldheims während der NS-Zeit als richtig und wichtig (empfand)". Allerdings nur, "wenn sie durch Fakten und Dokumente belegt und durch ausgewogene Expertenaussagen begleitet wäre".
Tiefe Verletzung
Dem standen allerdings, wie man als journalistischer Zeitzeuge einwerfen muss und wie Trauttmansdorff selbst sagt, zwei Dinge entgegen. Einerseits überzogene oder einfach falsche Vorwürfe (der Spiegel brachte etwa ein vom jugoslawischen Geheimdienst gefälschtes Dossier); Trauttmansdorff: „Auf internationaler Ebene etablierte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit ein bisher nicht gekannter medialer Mechanismus mit Narrativen, die sich von der zugrunde liegenden Evidenz rasch entfernten." Da kamen die Mitarbeiter Waldheims mangels raschen Zugangs zu relevanten Dokumenten nicht nach.
www.derstandard.at
Ein Ex-Mitarbeiter, Ferdinand Trauttmansdorff, erinnert sich an eine vergebene Chance
Vor 40 Jahren, am 8. Juli 1986, wurde Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten angelobt. Die aufwühlende politische Debatte dazu ist schon geschildert worden („Der Mann, der seine Pflicht erfüllte“). Resümierend kann man sagen: Waldheim war kein Kriegsverbrecher, aber er wusste aufgrund seiner Position genau Bescheid über Kriegsverbrechen, und er versuchte später, dieses Wissen zu verbergen.
Erste Enthüllungen
Die Affäre war aber auch eine versäumte Chance der Aufklärung, wie heute einer aus der kleinen Gruppe von damaligen Wahlkampf-Mitarbeitern Waldheims meint. Botschafter i.R. Ferdinand Trauttmansdorff, in einem Text, aus dem in dieser Kolumne zitiert wird: Man habe einen "über den Parteien stehenden, international anerkannten Kandidaten" unterstützt. Als dann die ersten Enthüllungen auftauchten, sei eines klar geworden:
"Dies bedeutete zwar eine Herausforderung für Waldheim und seine Mitstreiter, war aber durchaus auch eine große Chance! Das Narrativ eines Österreich, das sich als 'erstes Opfer' der Naziherrschaft von einer Mitverantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes befreit sah, sollte endlich einem Bekenntnis zur Rolle der Österreicher gerade und vor allem gegenüber den bis dahin viel zu wenig beachteten tatsächlichen Opfern dieses Regimes weichen. Dies konnte eine neue Grundlage für ein modernes, demokratisches, wertebestimmtes und damit auch tatsächlich 'westeuropäisches' Österreich werden."
Trauttmansdorff berichtet, dass die Gruppe um Waldheim "durchaus auch eine Auseinandersetzung mit der Lebensphase Kurt Waldheims während der NS-Zeit als richtig und wichtig (empfand)". Allerdings nur, "wenn sie durch Fakten und Dokumente belegt und durch ausgewogene Expertenaussagen begleitet wäre".
Tiefe Verletzung
Dem standen allerdings, wie man als journalistischer Zeitzeuge einwerfen muss und wie Trauttmansdorff selbst sagt, zwei Dinge entgegen. Einerseits überzogene oder einfach falsche Vorwürfe (der Spiegel brachte etwa ein vom jugoslawischen Geheimdienst gefälschtes Dossier); Trauttmansdorff: „Auf internationaler Ebene etablierte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit ein bisher nicht gekannter medialer Mechanismus mit Narrativen, die sich von der zugrunde liegenden Evidenz rasch entfernten." Da kamen die Mitarbeiter Waldheims mangels raschen Zugangs zu relevanten Dokumenten nicht nach.
Als Waldheim die Republik erschütterte
Ein Ex-Mitarbeiter, Ferdinand Trauttmansdorff, erinnert sich an eine vergebene Chance