Brief aus Istanbul:
Erdoğan empört über Essen für einen Euro
Dass Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoğlu „Stadtrestaurants“ für Bedürftige initiiert, schmeckt dem türkischen Präsidenten nicht. Jetzt muss die Justiz an die Sache ran.
Für die Türken, die einst in Zentralasien auf die Bühne der Geschichte traten, sind Pferde von großer Bedeutung. Das Pferd ist für eine nomadische Gemeinschaft nicht bloß ein Transportmittel, es war ein Machtelement, das Kriegszüge und Eroberungen ermöglichte. Das historisch bedeutsame Tier wurde Teil unserer modernen Geschichte. Nicht ohne Grund ziert auch in der Republikszeit ein steigender Schimmel das Logo einer Mitte-rechts-Partei. Das steigende Pferd wurde von der Gesellschaft als euphorisches Siegeszeichen verstanden. Es versprach Wohlstand und Fortschritt.
Erdoğan weiß das, weshalb er seit Jahren mit der Pferde-Metapher verspricht, das Land zum „Steigen“ zu bringen. 2015 sagte er: „Gottlob steigen wir“, 2017: „Ich habe geschworen, ich werde die Türkei zum Steigen bringen“, und 2019: „Das Steigen der Türkei weckt den Neid Europas.“ Zwei Jahre, nachdem er 2021 zum „Jahr des Steigens“ ausgerufen hatte, sagte er: „Wir werden zum Steigen übergehen, und dann beginnt das Jahrhundert der Türkei.“ Zuletzt sagte er auf dem Kongress seiner Partei: „Die vor uns liegende Phase wird in Hinsicht auf unser Land eine Phase des Steigens sein.“
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Wir leben in einem tragikomischen Land
Eine kleine Anmerkungen zum Handelsministerium, das die Ermittlungen veranlasst hat. Gegen die Ministerin, die, wie jüngst herauskam, 2021 ihrem Ministerium Waren im Wert von etwa einer Million Euro von der eigenen Firma verkauft hatte, war es nicht vorgegangen. Die damalige Handelsministerin verlor ihren Posten lediglich im Zuge einer Kabinettsumbildung; ermittelt wurde nicht gegen sie, es gab nicht einmal eine offizielle Erklärung in der Sache. Wir leben in einem tragikomischen Land. Äußert man sich positiv über eine Speise im Wert von einem Euro, droht eine Haftstrafe; verkauft man seinem eigenen Ministerium Waren im Wert von einer Million Euro, bleibt man unbehelligt. Natürlich nur, wenn man der AKP angehört.
Erdoğans Empörung richtete sich nicht bloß gegen das Essen. Gegen Imamoğlu lässt er jede Woche ein neues Verfahren anstrengen. Wie ich in meinem letzten Brief berichtet habe, wird jetzt Imamoğlus vor 31 Jahren erworbenes Universitätsdiplom angefochten, um ihn an einer Kandidatur für die Präsidentschaft zu hindern. Diese Woche wurde eine Razzia bei der kommunalen Abteilung für Medien und Public Relations durchgeführt. Die Bankkonten und das Vermögen Necati Özkans, dem Leiter von Imamoğlus Wahlkampfkampagnen, wurden eingefroren.
Dass Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoğlu „Stadtrestaurants“ für Bedürftige initiiert, schmeckt dem türkischen Präsidenten nicht. Jetzt muss die Justiz an die Sache ran.
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