Israel marschiert im Südlibanon ein
Antwort auf Entführung zweier Soldaten durch Hisbollah - Sieben israelische Soldaten bei Gefechten an Grenze getötet - Olmert: Angriffe sind "Kriegsakt" des Staates Libanon
Beirut - Nach der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die schiitische Hisbollah haben die israelischen Streitkräfte im Libanon einen Angriff mit Bodentruppen, aus der Luft sowie von der See aus begonnen.
"Sehr schmerzvoll"
Ministerpräsident Ehud Olmert bestätigte am Mittwoch in Jerusalem, israelische Truppen seien auf libanesischem Gebiet im Einsatz. Die israelische Reaktion werde "sehr schmerzvoll und weit reichend" sein, sagte der Premier. Die Entführungen durch die schiitische Hisbollah werde von der israelischen Regierung als "Kriegsakt des Staates Libanon gegen den Staat Israel" aufgefasst, erklärte Olmert. Der israelische Rundfunk meldete unterdessen, es seien schwere Kämpfe in Gange.
Peretz droht mit Konsequenzen
Israel macht nach den Worten seines Verteidigungsministers, Vizepremier Amir Peretz, die libanesische Regierung direkt für die Aktionen der schiitischen Organisation Hisbollah verantwortlich, die sich zu der Entführung von zwei israelischen Soldaten bekannt hat. Die libanesische Regierung erlaube es der Hisbollah, frei gegen Israel zu agieren, und müsse daher die Konsequenzen ihres Verhaltens tragen, betonte Peretz in einer am Mittwoch in Jerusalem veröffentlichten Erklärung.
Peretz kündigte eine umfassende militärische Antwort auf die Soldatenentführung an. "Dem Staat Israel steht es frei, alle notwendigen Mittel einzusetzen, und die Armee hat dem entsprechend Weisung erhalten", so der Verteidigungsminister. Die Hisbollah ist als stärkste schiitische Parlamentsfraktion auch in der im Vorjahr gebildeten libanesischen Regierung der "Nationalen Verständigung" unter Ministerpräsident Fouad Siniora vertreten.
Siniora appelliert an Annan
Der libanesische Ministerpräsident Fouad Siniora appellierte an UNO-Generalsekretär Kofi Annan und an den Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, alles zu tun, um der israelischen "Aggression" Einhalt zu gebieten. Siniora traf in Beirut mit dem UNO-Vertreter Geir Pederson zusammen.
Hisbollah: Israel griff Dörfer an
An der Grenze zwischen den Ländern ist es am Mittwoch zu heftigen Artilleriegefechten gekommen. Dabei sind nach Meldungen des TV-Senders Al-Jazeera sieben israelische Soldaten getötet worden.
Ein Sprecher der schiitischen Hisbollah in Beirut sagte, die israelischen Streitkräfte hätten mehrere Dörfer im Südlibanon angegriffen, die Hisbollah-Miliz habe das Artilleriefeuer erwidert.
Israel: Hisbollah griff Siedlungen an
Die Hisbollah griff mehrere Siedlungen im Norden Israels mit Raketen an, teilte ein israelischer Militärsprecher mit. Danach beschoss die israelische Luftwaffe mutmaßliche Hisbollah-Stellungen im Libanon.
Regierungsbeteiligung
Die Hisbollah ist seit den libanesischen Parlamentswahlen vom Vorjahr in der Regierung in Beirut durch Energieminister Mohammed Fneich vertreten. Der schiitische Außenminister Faouzi Salloukh gilt als Vertrauensmann der Hisbollah.
22 Jahre Okkupation
Israel hatte sich im Mai 2000 nach 22-jähriger Okkupation aus dem Südlibanon zurückgezogen. Der Libanon beansprucht auch das Shebaa-Gebiet, das weiter von Israel besetzt ist, weil es nach israelischer Auffassung ursprünglich zu Syrien gehörte und deshalb erst nach einem Friedensvertrag mit Damaskus geräumt werden soll. Syrien anerkannte allerdings die libanesischen Territorialansprüche. Die Hisbollah ist seit Juli vorigen Jahres in der Regierung in Beirut vertreten; ihre Miliz kontrolliert den Süden des Landes. Der libanesische Ministerpräsident Fouad Siniora hatte bei seinem jüngsten USA-Besuch den israelischen Abzug aus dem Shebaa-Gebiet gefordert.
Israel hatte 1978 den Südlibanon bis zum Litani-Fluss besetzt. Im Juni 1982 hatte die israelische Armee unter dem Kommando von Ariel Sharon ihren Feldzug "Frieden für Galiläa" gestartet und die libanesische Hauptstadt Beirut eingenommen, um die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) unter Yasser Arafat aus dem Libanon zu vertreiben. Im Frühjahr 2000 zog Israel unter Premier Ehud Barak seine Truppen aus dem Südlibanon ab. Die Hisbollah rückte daraufhin in das geräumte Gebiet vor.
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