Sonst lässt er dementieren wie der Blitz
Neben der Wirtschaft führte ein weiterer Faktor zum Stimmenverlust: Erdoğans Haltung nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober. Die islamistische Partei, die der AKP seit ein paar Jahren Stimmen abjagt, instrumentalisierte in ihrer Wahlkampagne propagandistisch die Tatsache, dass etliche Frachtschiffe, darunter auch solche im Besitz eines Erdoğan-Sohns, trotz der Angriffe gegen Gaza weiter Waren nach Israel transportierten. Die Neue Wohlfahrtspartei forderte ein Embargo gegen Israel, womit sie Erdoğan in Bedrängnis brachte und als drittstärkste Partei aus den Kommunalwahlen hervorging. (Den Aufstieg dieser Partei schilderte ich in meinem vorangegangenen Brief.) Vor den Wahlen ignorierte Erdoğan diese Forderung, verlegte sich aufs Leugnen, musste aber zurückrudern, nachdem er die Rechnung bei den Wahlen präsentiert bekommen hatte: Der Export von 54 Produkten nach Israel, darunter Flugzeugtreibstoff, ist gestoppt.
Als er mit dieser verspäteten Reaktion die islamistischen Kreise nicht zufriedenstellen konnte, legte Erdoğan noch eins drauf. Er lud den politischen Führer der Hamas in die Türkei ein. Die aber steht beim Club des Westens, zu dem er seine Beziehungen aufzupolieren bestrebt ist, auf der Liste der Terrororganisationen. Es wurden Fotos lanciert, die zeigen, wie er Ismail Haniyya umarmt. Während das Treffen Erdoğan innenpolitisch teilweise dienlich war, führte es zu Stirnrunzeln im Westen, von dem er doch Investitionen und politische Unterstützung erwartet. US-Präsident Biden empfing Erdoğan in den viereinhalb Jahren seit seinem Amtsantritt aller Erwartungen Ankaras zum Trotz bisher nicht im Weißen Haus. Nachdem Ankara seine Blockadehaltung in der NATO aufgegeben hatte, war es ihm in Folge der Wiederannäherung gelungen, einen Termin für den 9. Mai im Weißen Haus zu bekommen. Die um einige Punkte in der Wählergunst willen veröffentlichten Bilder der Freundschaft mit Haniyya aber gefährdeten diesen Termin nun. Kann Biden, der an der Seite Israels steht, Erdoğan die Hand schütteln, wenige Wochen nachdem dieser Haniyya umarmt hat? Vor ein paar Tagen verbreitete sich die Nachricht, der Termin im Weißen Haus sei abgesagt. Vonseiten Erdoğans, der normalerweise wie der Blitz dementieren lässt, kam kein Ton dazu.