In den USA stehen „bezahlbare“ Wohnungen leer, während die Ärmsten auf der Straße bleiben
In Austin schläft Mathew Davis in einer Obdachlosenunterkunft, obwohl in der Stadt mehr als 4.500 Wohnungen leer stehen, die offiziell als bezahlbar gelten. Selbst ein winziges Haus für 450 Dollar im Monat, ohne fließendes Wasser und mit Gemeinschaftsbad, ist für den 49-Jährigen kaum bezahlbar. Sein Einkommen besteht aus wenigen hundert Dollar im Monat, die er unter anderem durch Blutplasmaspenden verdient. Gleichzeitig stehen fast 16 Prozent der als günstig eingestuften Wohnungen in Austin leer. Das Problem ist nicht, dass es überhaupt keine geförderten Wohnungen gibt, sondern dass viele davon für Menschen gebaut wurden, die deutlich mehr verdienen als jene, die sie am dringendsten brauchen. Landesweit stehen rund elf Millionen Haushalte mit extrem niedrigem Einkommen nur etwa vier Millionen bezahlbare Mietwohnungen gegenüber. Rund drei Viertel dieser Haushalte geben mehr als die Hälfte ihres gesamten Einkommens für Miete und Nebenkosten aus. Für Essen, Medikamente, Kleidung oder unerwartete Rechnungen bleibt entsprechend wenig.
Trotzdem waren 2024 nur rund zwölf Prozent der über das große US-Steuerförderprogramm finanzierten Wohnungen tatsächlich für Menschen mit extrem niedrigen Einkommen vorgesehen. Die Mehrheit richtet sich an Haushalte mit mindestens 50 Prozent des jeweiligen mittleren Einkommens einer Region. In Austin entspricht das für eine alleinstehende Person ungefähr 47.000 Dollar im Jahr, während extrem einkommensarme Menschen dort weniger als rund 28.000 Dollar verdienen. Das führt zu einer völlig schiefen Situation: Wohnungen tragen das Etikett „bezahlbar“, sind für die Ärmsten aber weiterhin zu teuer. Gleichzeitig nähern sich die Mieten vieler geförderter Wohnungen immer stärker den normalen Marktpreisen an. Wer sich beide Varianten leisten kann, entscheidet sich deshalb häufig gleich für eine normale Wohnung, weil die Bewerbung dort einfacher und schneller läuft. Bei geförderten Wohnungen müssen Antragsteller teils Kontoauszüge, Gehaltsabrechnungen, Rechnungen und sogar private Geldtransfers offenlegen. Während ein normaler Vermieter eine Zusage innerhalb weniger Minuten geben kann, zieht sich das Verfahren bei geförderten Wohnungen oft erheblich länger hin.
In Denver liegt der Leerstand bei geförderten Wohnungen für Haushalte mit 60 Prozent des mittleren Einkommens bei rund 13 Prozent, bei Wohnungen für 80 Prozent sogar bei 21 Prozent. Gleichzeitig fehlt dort Wohnraum gerade für diejenigen, die ganz unten stehen. In Portland stehen mehr als 1.700 geförderte Wohnungen leer, die Leerstandsquote liegt bei 7,5 Prozent. Viele dieser Wohnungen richten sich an Menschen mit etwa 60 Prozent des mittleren Einkommens und dürfen bis zu 1.444 Dollar im Monat kosten. Eine normale Einzimmerwohnung liegt dort im Durchschnitt bei rund 1.581 Dollar. Für manche Mieter sind die zusätzlichen rund 100 oder 200 Dollar deshalb attraktiver als monatelange Prüfungen und Auflagen. Das Ergebnis ist absurd: Geförderte Wohnungen bleiben leer, während Menschen mit den niedrigsten Einkommen kaum überhaupt eine Chance auf eine eigene Wohnung haben.
Austin hatte sich vorgenommen, zwischen 2018 und 2027 insgesamt 20.000 Wohnungen für extrem einkommensarme Menschen zu bauen. Bis 2024 waren davon gerade einmal 543 fertiggestellt. Dagegen wurden sämtliche 15.000 geplanten Wohnungen für Haushalte mit 60 bis 80 Prozent des mittleren Einkommens gebaut. Entwickler erklären, dass Wohnungen für die Ärmsten ohne zusätzliche staatliche Hilfe kaum finanzierbar seien, weil Kreditkosten, Betrieb und Instandhaltung fast die gesamte Miete auffressen. Mietzuschüsse könnten das auffangen, doch nur etwa jede vierte berechtigte Familie erhält überhaupt einen solchen Zuschuss, und Wartelisten können sich über Jahre ziehen. So steht in den USA Wohnraum leer, der offiziell für Menschen mit wenig Geld geschaffen wurde, während genau jene Menschen, die am wenigsten haben, draußen bleiben. Mathew Davis formuliert seinen Wunsch weit bescheidener: Er möchte einfach nur abends eine Tür schließen und schlafen können.