Die Armee störte das GPS, vier Menschen flogen in den Berg
Der Flug hätte kaum einfacher sein können. Eine zweimotorige Beechcraft King Air startete im Mai in Roswell, New Mexico, um in Ruidoso einen Patienten abzuholen. An Bord waren zwei Piloten und zwei Pflegekräfte. Das Wetter war klar, die Strecke betrug nur rund 60 Meilen und normalerweise wäre die Maschine nach einer halben Stunde gelandet. Doch etwa 100 Meilen westlich führte die US-Luftwaffe auf dem Raketenversuchsgelände White Sands eine Übung zur Störung von GPS-Signalen durch. Die Luftfahrtbehörde hatte zuvor gewarnt, dass Navigationssysteme in einem Umkreis von bis zu 400 Meilen beeinträchtigt werden könnten. Acht Minuten nach dem Start meldeten die Piloten den Ausfall ihres GPS. Damit war ihnen ausgerechnet jene Technik genommen worden, auf die moderne Cockpits inzwischen fast vollständig ausgerichtet sind. Statt einer gut sichtbaren Linie auf dem Bildschirm mussten sie auf Funkfeuer, Magnetkurs und Anweisungen der Flugsicherung zurückgreifen. Beide Piloten waren jung und noch nicht lange in ihren Funktionen.
Der 30 Jahre alte Kapitän war erst einen Monat zuvor befördert worden, der 23 Jahre alte Erste Offizier arbeitete erst seit zwei Monaten für den Betreiber. Die fast mondlose Nacht machte die Lage noch gefährlicher. Unter ihnen lagen nur vereinzelte Lichter, dazwischen Berge, die in der Dunkelheit nicht zu erkennen waren. Die Flugsicherung versprach, die Maschine über Funk zur Landung zu führen, war jedoch gleichzeitig mit drei weiteren Flugzeugen beschäftigt, die ebenfalls ihr GPS verloren hatten. Während die Besatzung auf neue Kursangaben wartete, flog die King Air rund 10 Meilen über den vorgesehenen Anflug hinaus. Als das GPS später offenbar wieder funktionierte, entschieden sich die Piloten nicht für einen neuen satellitengestützten Anflug, sondern baten um eine Sichtlandung. Von ihrer Position aus konnten sie die Lichter des Flughafens erkennen. Was sie nicht sahen, waren die fast 3.000 Meter hohen Capitan Mountains zwischen ihnen und der Landebahn. Die Maschine drehte in Richtung der Lichter und begann zu sinken. Erst als die dunkle Bergmasse die Lichter im Tal verdeckte, muss der Besatzung aufgefallen sein, dass etwas nicht stimmte. Die Piloten verringerten den Sinkflug und stiegen kurzzeitig wieder, doch sie flogen weiter geradeaus. Wenig später schlug die King Air mit hoher Geschwindigkeit am Berghang auf.
Alle vier Menschen an Bord starben sofort. Es war der erste bekannte tödliche Absturz eines zivilen Flugzeugs in den Vereinigten Staaten, bei dem militärische GPS-Störung eine entscheidende Rolle spielte. Der Fall zeigt, wie elektronische Kriegsführung längst in die zivile Luftfahrt hineinreicht. Militärs stören Satellitensignale, um Drohnen die Navigation zu nehmen, doch dieselben Signale werden von Rettungsflugzeugen, Verkehrsmaschinen und Kollisionswarnsystemen benötigt. Seit 2023 melden Flugzeuge über dem Nahen Osten, dem Schwarzen Meer und der Ostsee regelmäßig falsche oder vollständig ausgefallene Positionsdaten. Auch in den Vereinigten Staaten häufen sich solche Vorfälle. Im März 2025 mussten mehrere Maschinen ihre Landung am Reagan National Airport abbrechen, weil der Secret Service elektronische Kampftechnik am Wohnsitz des Vizepräsidenten testete. In Texas führten Einsätze von Armee und Grenzschutz gegen Drohnen zu Luftraumsperrungen und Störungen im kommerziellen Verkehr. Mindestens zehn weitere militärische Übungen zur GPS-Störung wurden innerhalb eines Jahres angekündigt. Die Technik soll feindliche Drohnen stoppen, trifft aber gleichzeitig Flugzeuge, die sich hunderte Kilometer vom Übungsgebiet entfernt befinden. Besonders gefährlich wird das, wenn unerfahrene Besatzungen, Dunkelheit, hohe Arbeitsbelastung und selten genutzte Ersatzverfahren zusammenkommen.
Ein weiterer Absturz im Juli zeigt, wohin diese Entwicklung führen könnte. Eine Boeing 737 eines pakistanischen Frachtunternehmens meldete nahe der Straße von Hormus Probleme mit dem Navigationssystem, stieg und fiel innerhalb weniger Minuten um tausende Meter und stürzte anschließend fast senkrecht ins Meer. Die Ursache ist noch nicht geklärt, doch in der Region herrschten wegen des US-Iran-Krieges massive GPS-Störungen. Elektronische Kriegsführung endet damit nicht mehr am Rand eines Schlachtfeldes. Sie greift in zivile Flugrouten ein, während Behörden und Militär noch immer so handeln, als ließen sich die Folgen auf einer Karte begrenzen. Die Menschen in der King Air starben nicht in einem Krieg. Sie starben, weil die Technik eines Krieges ihren Weg in einen Rettungsflug fand.