Hintergrundrecherche: Das gebrochene Versprechen von Mariupol und das Dokument der Wut
Mehrere Schüsse in einem Wohnblock im Nordwesten Moskaus. Generalleutnant Wladimir Alexejew, 64 Jahre alt, erster stellvertretender Chef des russischen Militärgeheimdienstes GRU, wird schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Der Angreifer entkommt. Ermittler sichern Spuren auf der Wolokolamsker Chaussee, werten Überwachungskameras aus und befragen Anwohner. Offiziell läuft ein Verfahren wegen versuchten Mordes. Aus dem Kreml heißt es, Präsident Wladimir Putin werde laufend informiert, man hoffe, der General überlebe. Die Moskauer Staatsanwaltschaft teilte mit, Alexejew sei in einem Wohnhaus im Nordwesten der Hauptstadt von einem unbekannten Täter mehrfach angeschossen worden. Der Angreifer sei geflüchtet. „Ermittlungsmaßnahmen und operative Fahndungen werden durchgeführt, um die an der Tat beteiligte Person oder Personen zu identifizieren“, erklärte die Sprecherin des Ermittlungskomitees, Swetlana Petrenko.
Alexejew ist nicht irgendein Offizier. Er gilt als Nummer zwei im GRU und spielte in den vergangenen Jahren eine zentrale Rolle. Seine Laufbahn begann bei den sowjetischen Luftlandetruppen, später wechselte er in den militärischen Nachrichtendienst. Spätestens seit 2011 sitzt er in der Führungsebene. In Russland wurde er für seine Rolle beim Militäreinsatz in Syrien mit dem Titel „Held Russlands“ ausgezeichnet. International steht sein Name seit Jahren auf Sanktionslisten. Nach dem Nervengiftanschlag von Salisbury 2018 geriet die GRU ins Visier europäischer Regierungen, auch Alexejew wurde von der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich sanktioniert. Die USA führten ihn im Zusammenhang mit russischen Einfluss- und Cyberoperationen.
2022 nahm er an den Verhandlungen während der Belagerung von Mariupol teil, als die letzten Verteidiger das Stahlwerk Asowstal verließen. Damals versprach er die Einhaltung der Genfer Konvention und humane Haftbedingungen für gefangene ukrainische Soldaten. Seine Unterschrift steht unter dem Dokument, das in Mariupol unterzeichnet wurde. Im Gegenzug übergab die Ukraine drei russische Kriegsgefangene, medizinisch versorgt, mit Nahrung und Wasser ausgestattet. Es war ein seltener Moment, in dem selbst in einem erbitterten Krieg Regeln gelten sollten.
Doch Berichte über Misshandlungen, verweigerte medizinische Hilfe und gezielte Unterernährung gefangener Asow-Kämpfer ließen dieses Versprechen zerfallen. Der ukrainische Militärnachrichtendienst HUR führt Alexejew als Mitverantwortlichen für die Vorbereitung von Zielkoordinaten bei Angriffen auf zivile Infrastruktur sowie für die Organisation des sogenannten Referendums in der Region Cherson. Diese Vorwürfe stammen aus Kiew, von russischer Seite werden sie bestritten oder nicht kommentiert.
Mehrere Schüsse in einem Wohnblock im Nordwesten Moskaus. Generalleutnant Wladimir Alexejew, 64 Jahre alt, erster stellvertretender Chef des russischen Militärgeheimdienstes GRU, wird schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Der Angreifer entkommt.
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