Junge Bosnier träumen von Deutschland
Junge Bosnier träumen von Deutschland | Europa | DW.COM | 20.06.2016
20.06.2016
Bosnien-Herzegowina gilt als "sicheres Herkunftsland", doch die Wirtschaft liegt am Boden. Gerade junge Leute wollen oft nur noch weg. Von Daniel Heinrich, Sarajevo.
Goethe-Institut Sarajevo: Sozialistische Betonarchitektur, dritter Stock, der Aufzug funktioniert nicht, es ist warm im "Raum Berlin". Dina Rizvo führt ein strenges Regiment, der rote Lippenstift sitzt, das gebügelte Sommerkleidchen ebenfalls. Seit drei Jahren arbeitet die 26-Jährige als Deutschlehrerin. Selten war der Ansturm auf ihre Kurse so groß wie jetzt.
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Deutschland ist beliebt: Und das nicht nur, weil viele Menschen aus Bosnien während des Jugoslawienkrieges in die Bundesrepublik geflohen sind. Vor allem Berlin gilt als Anziehungspunkt für junge Bosnier. Die Faszination für Deutschland und Europa im Allgemeinen wäre allerdings wohl nicht so groß, wenn es nicht so schlecht um die Situation im eigenen Land bestimmt wäre. Karsten Dümmel leitet die Konrad-Adenauer-Stiftung in Sarajevo. Er stellt dem Bildungssystem in Bosnien ein katastrophales Zeugnis aus: "Leider gibt es beim Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Universität sehr viel zu verbessern", sagt der engagierte Mittfünfziger ernüchtert. In Bosnien trauere man der Vergangenheit nach, man gebe sich der Wahrnehmung hin, dass früher das Bildungssystem in Jugoslawien vorbildlich gewesen sei: "Leider ist es mit Jugoslawien vorbei und es hat sich nicht viel verändert."
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"Brain Drain" der Hochqualifizierten
Die politische Tatenlosigkeit hat Folgen: Bosnische Universitätsabschlüsse werden im Ausland häufig nicht anerkannt. Im Land selbst gibt es kaum Arbeit, die Jugendarbeitslosigkeit liegt seit Jahren bei rund 60 Prozent. Das führt dazu, dass sich selbst Hochqualifizierte umschulen lassen, um im Ausland eine Chance auf einen Job zu haben.
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In der Altstadt von Sarajevo hat Dina Rizvo viel Verständnis für ihre Schüler. Auch sie denke manchmal darüber nach, das Land zu verlassen: Ihr Lehrergehalt reiche gerade so aus, um über die Runden zu kommen. "Wenn die Leute hier schon fünf Jahre arbeitslos sind, dann würde ich das Gleiche tun. Um eine bessere Zukunft zu haben, würde ich auch nach Deutschland auswandern", sagt die junge Lehrerin. Sie zuckt mit den Schultern: "Falls ich hier keinen Job finde, gibt es doch keinen Grund, warum ich hier bleiben sollte."
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