Überwachungs-Experte: „Es ist heute unglaublich leicht, den Ruf eines Menschen zu zerstören“
Ronald Deibert hat mit seinem Citizen Lab weltweit Überwachungsskandale aufgedeckt. Im Interview erklärt der Kanadier, welche Bedrohung ihn zurzeit mehr beunruhigt als alle anderen zuvor – und warum er in Wien lieber inkognito bleibt.
Ronald Deibert sitzt zwischen meterhohen Bücherwänden in einer Bibliothek unweit des Donaukanals. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und einen Dreitagebart. Seit ein paar Wochen schon ist er Gastwissenschaftler des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) in Wien. Aber groß publik gemacht hat er das zunächst nicht. „Ich wollte kein unnötiges Risiko eingehen.“ Denn erstens sei Wien ein „Zentrum der Spionage“: „Es ist hier absolut legal, dass Ausländer einander bespitzeln.“ Und zweitens hat sich Deibert mit mächtigen Gegnern angelegt. Sein „Citizen Lab“, angedockt an der Uni von Toronto, legte im Laufe der Jahre große Überwachungsskandale offen, darunter jenen um die Pegasus-Software, mit der Journalisten und Politiker bespitzelt wurden. Dabei ist Deiberts Team klein: rund zwei dutzend dauerhafte Mitarbeiter, die jedoch teils von Tech-Riesen übergelaufen sind und auf viel Geld verzichtet haben, um sich in den Dienst der Zivilgesellschaft zu stellen. Das Ergebnis erstaunt: Mehrfach schon führte die Arbeit des Teams dazu, dass eine Milliarde Apple-Nutzer Notfall-Sicherheitsupdates auf ihren Smartphones erhielten.
Ich nehme das Interview mit meinem Smartphone auf, falls Sie das nicht stört.
Ronald Deibert: Klar. Welches Betriebssystem? Android oder iOS?
Warum fragen Sie?
In unserer Arbeit macht das einen großen Unterschied. Android löscht bei jedem Neustart die Protokolldateien – aus forensischer Sicht ist das so, als würde man Beweise vernichten, sobald jemand sein Gerät neu startet. Das iPhone (iOS) speichert sie umgekehrt akribisch. Mit Zustimmung der Person können wir dann einen „Crash-Log“ – im Grunde einen Fehlerbericht – erzeugen und auf bekannte Spyware-„Fingerabdrücke“ analysieren. So arbeiten wir.
www.diepresse.com
Ronald Deibert hat mit seinem Citizen Lab weltweit Überwachungsskandale aufgedeckt. Im Interview erklärt der Kanadier, welche Bedrohung ihn zurzeit mehr beunruhigt als alle anderen zuvor – und warum er in Wien lieber inkognito bleibt.
Ronald Deibert sitzt zwischen meterhohen Bücherwänden in einer Bibliothek unweit des Donaukanals. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und einen Dreitagebart. Seit ein paar Wochen schon ist er Gastwissenschaftler des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) in Wien. Aber groß publik gemacht hat er das zunächst nicht. „Ich wollte kein unnötiges Risiko eingehen.“ Denn erstens sei Wien ein „Zentrum der Spionage“: „Es ist hier absolut legal, dass Ausländer einander bespitzeln.“ Und zweitens hat sich Deibert mit mächtigen Gegnern angelegt. Sein „Citizen Lab“, angedockt an der Uni von Toronto, legte im Laufe der Jahre große Überwachungsskandale offen, darunter jenen um die Pegasus-Software, mit der Journalisten und Politiker bespitzelt wurden. Dabei ist Deiberts Team klein: rund zwei dutzend dauerhafte Mitarbeiter, die jedoch teils von Tech-Riesen übergelaufen sind und auf viel Geld verzichtet haben, um sich in den Dienst der Zivilgesellschaft zu stellen. Das Ergebnis erstaunt: Mehrfach schon führte die Arbeit des Teams dazu, dass eine Milliarde Apple-Nutzer Notfall-Sicherheitsupdates auf ihren Smartphones erhielten.
Ich nehme das Interview mit meinem Smartphone auf, falls Sie das nicht stört.
Ronald Deibert: Klar. Welches Betriebssystem? Android oder iOS?
Warum fragen Sie?
In unserer Arbeit macht das einen großen Unterschied. Android löscht bei jedem Neustart die Protokolldateien – aus forensischer Sicht ist das so, als würde man Beweise vernichten, sobald jemand sein Gerät neu startet. Das iPhone (iOS) speichert sie umgekehrt akribisch. Mit Zustimmung der Person können wir dann einen „Crash-Log“ – im Grunde einen Fehlerbericht – erzeugen und auf bekannte Spyware-„Fingerabdrücke“ analysieren. So arbeiten wir.
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