Dieses Artikel stammt von Fjodor Dostojewski und findet sich in seinem Werk "Tagebuch eines Schriftstellers" (in der Ausgabe für den Monat Mai/Juni 1877, Kap.2).
Hintergrund und Kontext: Es entstand während des Russisch-Osmanischen Krieges (1877–1878), in dem Russland auf dem Balkan intervenierte, um slawische Völker (wie Bulgaren, Serben) vom Osmanischen Reich zu befreien.
Dostojewski war ein glühender Anhänger des Panslawismus und des russischen Imperialismus. Er sah Russland als "gotttragende Nation", die die Aufgabe hatte, die orthodoxen slawischen Brüder zu befreien.
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1877
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Ein ganz besonderes Wörtchen über die Slawen, das ich schon lange aussprechen wollte
Gestatten Sie mir übrigens ein besonderes Wort über die Slawen und die slawische Frage – etwas, das ich schon lange zum Ausdruck bringen wollte. Gerade jetzt beginnen hier alle plötzlich, von der unmittelbaren Möglichkeit eines Friedens zu sprechen – was natürlich auch die unmittelbare Möglichkeit einer zumindest teilweisen Lösung der slawischen Frage impliziert. Lassen wir unserer Fantasie freien Lauf und stellen uns vor, die ganze Angelegenheit sei abgeschlossen: die Slawen durch Russlands Anstrengungen und unter Opferung russischen Blutes befreit; das Osmanische Reich nicht mehr existent; und die Balkanhalbinsel frei und in ein neues Leben aufgebrochen. Natürlich ist es schwer vorherzusagen, welche genaue Gestalt – bis ins letzte Detail – diese slawische Freiheit zumindest anfangs annehmen wird: ob es sich um eine Föderation der befreiten kleinen Stämme handeln wird (wobei eine Föderation auf sehr, sehr lange Sicht unwahrscheinlich erscheint) oder um eine Reihe kleiner, eigenständiger Herrschaftsgebiete – Kleinstaaten –, regiert von Herrschern, die aus verschiedenen regierenden Häusern berufen wurden.
Ebenso wenig lässt sich absehen, ob Serbien seine Grenzen schließlich erweitern wird oder ob Österreich sich dem entgegenstellt; welche Form Bulgarien annehmen wird; was aus der Herzegowina und Bosnien wird; oder welche Beziehungen sich zu diesen neu befreiten slawischen Völkern entwickeln werden – etwa zu den Rumänen oder sogar zu den Griechen (sowohl zu den Griechen von Konstantinopel als auch zu jenen anderen, den Griechen von Athen). Ob all diese Länder und Gebiete schließlich vollkommen unabhängig werden oder ob sie unter dem Schutz und der Aufsicht des „Europäischen Mächtekonzerts“ verbleiben – einschließlich Russlands (und ich vermute, gerade diese Völker werden auf jenes europäische Konzert bestehen, selbst wenn Russland daran beteiligt ist, und zwar einzig als Schutzmaßnahme gegen Russlands eigenes Machtstreben) –, lässt sich unmöglich im Voraus genau bestimmen, und ich werde auch keinen Versuch dazu unternehmen. Doch schon jetzt lassen sich zwei Dinge mit Gewissheit sagen:
1) dass früher oder später alle slawischen Stämme der Balkanhalbinsel unweigerlich das türkische Joch abschütteln und ein neues, freies und vielleicht unabhängiges Leben beginnen werden; und
2) ... Genau diesen zweiten Punkt – der mit Sicherheit eintreten wird – wollte ich schon lange aussprechen.
Dieser zweite Punkt ist genau jener: Dass Russland – meiner tiefsten, unerschütterlichsten Überzeugung nach – niemals solche Hasser, Neider, Verleumder und sogar offenen Feinde haben wird (und auch nie hatte), wie es eben jene slawischen Stämme sein werden, sobald Russland sie befreit und Europa sich bereit erklärt, ihre Befreiung anzuerkennen! Und niemand möge mir widersprechen, es bestreiten oder mich anschreien und behaupten, ich übertreibe oder ich hege Hass auf die Slawen! Im Gegenteil, ich liebe die Slawen innig; doch ich werde nicht einmal versuchen, mich zu verteidigen, denn ich weiß, dass sich die Ereignisse genau so entwickeln werden, wie ich es vorhersage – und zwar nicht aufgrund irgendeines vermeintlich niederträchtigen oder undankbaren slawischen Charakters (ganz im Gegenteil: in dieser Hinsicht gleicht ihr Charakter dem jedes anderen), sondern schlicht deshalb, weil sich solche Dinge auf der Welt zwangsläufig so abspielen.
Ich will mich nicht weiter auslassen, aber ich weiß, dass wir von den Slawen keinesfalls Dankbarkeit erwarten dürfen; darauf sollten wir uns im Voraus einstellen. Denn sobald sie befreit sind, werden sie ihr neues Leben – ich wiederhole – damit beginnen, Garantien und Schutz für ihre Freiheit bei Europa zu suchen – etwa bei England und Deutschland; und obwohl Russland Teil des Konzerts der europäischen Mächte sein wird, werden sie diesen Schutz gezielt gegen Russland suchen.
Sie werden unweigerlich damit beginnen, sich selbst zu erklären – wenn sie es auch nicht offen aussprechen –, dass sie Russland nicht das Geringste an Dankbarkeit schulden; im Gegenteil, sie werden behaupten, sie seien während der Friedensverhandlungen nur dank des Eingreifens des „Konzerts von Europa“ knapp der russischen Machtgier entgangen, und dass Russland – nachdem es sie den Türken entrissen hätte – sie sogleich verschlungen hätte, getrieben von dem Wunsch, seine Grenzen zu erweitern und ein großes panslawistisches Reich zu gründen, das auf der Unterjochung der Slawen durch den habgierigen, hinterlistigen und barbarischen großrussischen Stamm beruht... Lange, ach, sehr lange werden sie unfähig sein, Russlands Selbstlosigkeit oder das großartige, heilige und beispiellose Erheben des Banners einer höchsten Idee anzuerkennen – einer jener Ideen, von denen der Mensch lebt und ohne die die Menschheit, sollten solche Ideen nicht mehr in ihr wohnen, abstumpft, verkrüppelt und an Geschwüren und Ohnmacht zugrunde geht.