Postkolonialismus, aber welcher?
Bizarre Solidarität mit der Hamas rückt die Theorie des Postkolonialismus in den Fokus. Entscheidend ist, ob sie zu politisch-historischer Analyse verwendet wird oder einfach nur als moralisch-rhetorische Waffe
Den anfänglich winzigen und machtlosen "Judenstaat" als Kolonialmacht anzuprangern sei historisch absurd, schreibt der Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk. In seinem Gastkommentar widmet er sich den "Postcolonial Studies" und dem Umgang mit Kolonialismus in der Debatte nach dem Angriff der Hamas auf Israel.
Politische Positionen bedürfen einer theoretischen Rechtfertigung. Wenn (nicht nur) junge Menschen, die sich selbst als links ansehen, im Rahmen ihrer Manifestationen und Demonstrationen für die palästinensische Sache die Massaker der Hamas an oft jungen, unschuldigen Männern und Frauen als Notwehr und Reaktion kleinreden, dann mutiert diese merkwürdige Solidarität mit den politisch radikal rechts stehenden Feinden der Juden zu einer antikolonialen Bekundung gegen Israel, den Westen und Europa.
Verbrechen aufarbeiten
In diesem Zusammenhang wurde in den vergangenen Wochen auf die postkoloniale Theoriebildung hingewiesen, die als argumentative Folie und Narrativ dient. Freilich ziehen die "Postcolonial Studies" eine solch simple Zuordnung nicht zwingend nach sich. Außer Streit ist die Tatsache, dass die Verbrechen des Kolonialismus mit denen rechter, aber auch linker totalitärer Regime in einem Atemzug genannt werden müssen. Demokratische Länder sind gut beraten, mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft mit Afrika, dem Nahen Osten und anderen Regionen von sich aus die Geschichte des Kolonialismus aufzuarbeiten. In Ansätzen ist dies durch kritische Literatur, Dokumentationen und Rückgaben geraubter Kunstschätze in Gang gekommen.
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Das von der Uno seinerzeit legitimierte Israel ist ein Produkt der Dekolonisation und des Postkolonialismus. Den anfänglich winzigen und machtlosen "Judenstaat" als Kolonialmacht anzuprangern ist historisch absurd. Es waren die militärischen Niederlagen seiner Gegner, die unfreiwillig das Land und dessen Bewohner, die sie vertreiben und vernichten wollten, starkgemacht haben. Nicht ohne Hilfe anfänglich auch der Sowjetunion und später vor allem der USA. Im Gefolge dieser Konflikte haben nicht nur viele Palästinenser ihre Heimat verloren, sondern auch viele Juden in Nordafrika und in den Ländern des Nahen Ostens.
Bizarre Solidarität mit der Hamas rückt die Theorie des Postkolonialismus in den Fokus. Entscheidend ist, ob sie zu politisch-historischer Analyse verwendet wird oder einfach nur als moralisch-rhetorische Waffe
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