Tourismus als Rettung
Nach dem Kollaps der UdSSR, die den stotternden Motor mit Öllieferungen am Laufen hielt, mussten die Kubaner die Gürtel noch enger schnallen - falls sie noch Gürtel besaßen. Weder eine halbherzige Liberalisierung durch Zulassung freier Märkte und Duldung privater Restaurants, noch neue Repressionswellen gegen Dissidenten und Oppositionelle konnten die Unzufriedenheit der Bevölkerung eindämmen, die mit den Füßen abstimmte und, wo immer sie konnte, die Insel verließ. Als das Wasser ihm bis zum Hals stand, erwuchsen Castro zwei Retter in der Not: Der internationale Tourismus, der Kuba wieder zum Bordell machte, das es schon vor der Revolution gewesen war, und Venezuelas populistischer Präsident Hugo Chávez, der dem schwächelnden Comandante politisch den Rang ablief und ihm gleichzeitig mit Petrodollars auf die Beine half. Wörtlich und nicht nur im übertragenen Sinn, denn bei einer seiner Mammutreden war Fidel vom Podium gestürzt.
In Deutschland trat an die Stelle des Che-Kults von einst eine parteiübergreifende "Cuba Si"-Fraktion, deren Kuba-Begeisterung gegen jede Realitätsprüfung immun ist. Dass Fünf-Sterne-Rum und Cohiba-Zigarren, die man auf subventionierten Reisen genießt, der Bevölkerung vorenthalten werden, stört sie ebenso wenig wie die Tatsache, dass ein Chefarzt in Havanna im Monat weniger verdient als eine Prostituierte in einer Nacht.
Die Che-Guevara-Ikone ist als abgesunkenes Kulturgut von der Wohngemeinschaft ins Taxi umgestiegen, dessen Insassen sie - wie die Jungfrau Maria - vor Unfällen schützen soll. Und kaum jemand weiß, dass der Fotograf Alexander Korda, der Ches populärstes Bild knipste, um den Lohn seiner Arbeit betrogen wurde, weil Kuba das internationale Copyright-Abkommen gekündigt hatte. Das größte Paradox aber ist die Tatsache, dass das von den USA verhängte Embargo Castros marodem Regime mehr genutzt als geschadet hat, weil Sanktionen, unter denen die Bevölkerung leidet, für die Nomenklatura leicht zu umgehen sind.