Sie erforschen das Gehirn - ein Thema, das auch viele "normale Menschen" interessiert. Für diese gibt es jede Menge populärwissenschaftliche Literatur. Ist das Segen oder Fluch?
Im Prinzip sehe ich das sehr positiv. Es besteht jedoch die Gefahr, dass man in einer Diskussion Dinge behauptet, die einfach nicht wahr sind bzw. dazu verführt wird – vielleicht aus Eitelkeit oder aus dem Wunsch heraus mehr Forschungsgelder zu bekommen – zu suggerieren, dass wir bald alles verstehen würden oder dass wir kurz davor stehen, Krankheiten wie Autismus oder Schizophrenie heilen zu können – das sind z.B. Bereiche, mit denen ich mich stark beschäftige.
Vermutlich wissen wir aber gerade einmal fünf Prozent von dem, was im Gehirn vor sich geht – vielleicht ist es auch nur ein Prozent. Hier wird manchmal ein falsches Bild in der Öffentlichkeit erzeugt.
Was ist das Wichtigste von diesen fünf oder diesen einem Prozent?
Im Vergleich zu dem, was wir wussten, als ich vor 30 Jahren meine Karriere begann, ist der Fortschritt natürlich immens. Dennoch ist es eine riesen Herausforderung, das Gehirn zu verstehen. Und selbst mit enormen Fortschritten ist das nur ein winziger Teil von dem, was man wirklich verstehen müsste.
Wir wissen beispielsweise, wie Synapsen prinzipiell funktionieren und Informationen weiterleiten – das wusste man früher nicht. Wir verstehen beispielsweise nun ein paar Mechanismen, wie Synapsen lernen oder vergessen können oder welche Zellen miteinander "sprechen" – warum sie das tun – also warum sie nicht mit allen Zellen Informationen austauschen, das wissen wir allerdings nicht.
Auch kennt man seit wenigen Jahren jene Gene, die für bestimmte neuronale Krankheiten verantwortlich sind – das bedeutet aber weder, dass wir die Gene verstehen noch die Krankheiten, die sie verursachen.