Einen Keil zwischen ÖVP und FPÖ treiben
Das bürgerliche Lager steht am Scheideweg. Die Demonstrationen gegen rechts, wie zuletzt in Wien, rufen zur Verteidigung von Demokratie und Rechtsstaat auf. Dabei sollte man auch Konservative als Verbündete einbeziehen
Dass konservative und bürgerliche Stimmen bei den Demonstrationen fehlen, scheint viele Aktivistinnen und Aktivisten nicht zu stören, schreibt Politikwissenschafter Rainer Bauböck in seinem Gastkommentar.
"Warum fehlen Konservative bei Demos gegen rechtsextrem?" fragt Hans Rauscher in seiner Kolumne. Das könnte tatsächlich eine überlebenswichtige Frage für die österreichische Demokratie werden.
Nach derzeitigen Umfragen ist es wahrscheinlich, dass die FPÖ bei der Nationalratswahl im Herbst die stärkste Partei wird und zusammen mit der ÖVP über eine Mehrheit im Nationalrat verfügt. Die offizielle Linie des ÖVP-Vorsitzenden Karl Nehammer ist es lediglich, keine Regierung mit Herbert Kickl zu bilden. Die Kehrtwende der ÖVP-Landesparteien nach den letzten Landtagswahlen in Niederösterreich und Salzburg weckt berechtigte Zweifel, dass das Haltbarkeitsdatum solcher Versprechen über den Wahltag hinausreichen wird. Und die Formel "Keine Regierung mit Kickl" lässt breite Scheunentore offen für eine Koalition mit einer von Kickl geführten FPÖ – nach dem Modell der Regierung Schüssel I, in der Jörg Haider nicht aus einem Regierungsamt, sondern von Klagenfurt aus die Fäden zog.
Großer Umschwung?
Seit Jänner gibt es nun endlich auch in Österreich eine Mobilisierung der Zivilgesellschaft gegen die Gefahr von rechts und die drohende Orbánisierung des Landes. Die Zahl der Menschen, die auf die Straße gehen, und der Organisationen, die sie dazu aufrufen, ist beeindruckend. Aber das Fehlen konservativer und bürgerlicher Stimmen scheint viele Aktivistinnen und Aktivisten nicht zu stören. Manche setzen alles auf einen großen politischen Umschwung, der eine Regierungskoalition ohne FPÖ und ÖVP ermöglichen würde. Andere gehen fatalistisch davon aus, dass die ÖVP unter Sebastian Kurz und Nehammer schon längst zum politischen Zwillingsbruder der Freiheitlichen geworden sei, und bereiten sich auf Widerstand gegen eine rechtsextrem geführte Regierung vor.
Das bürgerliche Lager steht am Scheideweg. Die Demonstrationen gegen rechts, wie zuletzt in Wien, rufen zur Verteidigung von Demokratie und Rechtsstaat auf. Dabei sollte man auch Konservative als Verbündete einbeziehen
www.derstandard.at