Wenn die Türken einmal aufgestanden sind, bringt man sie nicht so schnell wieder zum Sitzen
Die Protestwelle nach der Verhaftung von Ekrem Imamoglu könnte die Türkei verändern. Es hänge davon ab, wie hart der Staat gegen die Demonstranten vorgehe, schreibt der türkische Schriftsteller Ismail Güzelsoy.
Umstritten ist, auf welchen türkischen Staatspräsidenten folgende Beobachtung zurückgeht: «Es ist schwer, das türkische Volk zum Aufstehen zu bewegen, aber wenn es einmal steht, ist es noch schwerer, es wieder zum Sitzen zu bringen.» Gleichgültig, ob es Ismet Inönü oder Süleyman Demirel war, auf jeden Fall handelt es sich um eine sehr treffende Bemerkung. Dass wir uns nicht mehr hinsetzen wollen, sobald wir einmal stehen, hat natürlich auch damit zu tun, dass wir zum Aufstehen nicht oft Gelegenheit haben.
Seit dem Aufstand im Gezi-Park 2013 hat es in Istanbul keine Massendemonstrationen mehr gegeben. Wer sich zum Weltfrauentag am 8. März an dergleichen versuchte, wurde mit einer Ladung Tränengas nach Hause geschickt oder gleich verhaftet. Am 19. März aber, zwölf Jahre nach Gezi, versammelte sich vor dem Istanbuler Rathaus eine riesige Menschenmenge. Das wiederholte sich Abend für Abend.
Die Polizei reagierte mit unverhältnismässiger Gewalt gegen die jungen Demonstranten, doch löste das erst recht ein Aufbäumen aus, wie wir es noch kaum je erlebt hatten. Der jahrelang angestaute Pessimismus war auf einmal weg. Seltsamerweise trat an seine Stelle nicht einfach Zuversicht, sondern vielmehr eine schwer zu definierende Wut und Sorge.
Die Protestwelle nach der Verhaftung von Ekrem Imamoglu könnte die Türkei verändern. Es hänge davon ab, wie hart der Staat gegen die Demonstranten vorgehe, schreibt der türkische Schriftsteller Ismail Güzelsoy.
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