
Dein Leben gehört dir nicht mehr
„Du bist erledigt – die Richterin mag Russland nicht.“ Der Satz fiel wie ein Stein. Kein juristisches Argument, kein Zweifel, kein Spielraum. Nur ein Urteil, das längst gefällt war, bevor ein Verfahren begann. So klingt es, wenn Gerechtigkeit ersetzt wurde – durch Haltung, Abwehr, Ablehnung. Wer heute als russischer Flüchtling an Amerikas Grenze steht, muss sich nicht schuldig machen. Es reicht, dass er da ist.
Er hatte eine Ohrenentzündung, wartete zwei Monate auf einen Arzt. Am Ende sagte der Beamte: „Wenn Sie einen Schlaganfall bekommen – beantragen Sie doch einfach die Abschiebung.“ Der Satz fiel nicht im Zynismus, sondern in Gleichgültigkeit. Jeder Versuch, sich Gehör zu verschaffen, wurde mit der gleichen Formel abgetan: „Then apply for deportation.“ In dem Lager, in dem er untergebracht war, versuchte ein Mann, sich umzubringen. Man hatte ihm eine Rasierklinge abgenommen und ihn zur Strafe in Einzelhaft gesteckt. Erst als er sich mit bloßen Zähnen die Venen aufriss, wurde er behandelt. Russen hängten sich auf. Diabetiker bekamen keine Medikamente, nur einen Fingerstich zur Blutzuckermessung – dann nichts mehr. Und auch er, sagt er, war irgendwann so krank, dass selbst Schmerzmittel nicht mehr wirkten. In einem der seltenen Momente, in denen man sie nach draußen ließ, traf er jemanden, der mit seiner Frau transportiert worden war. Es stellte sich heraus, dass sie im selben Lager war. Ab der dritten Anhörung wurden sie gemeinsam in den Gerichtssaal gebracht, nebeneinandergesetzt – dann wieder getrennt. Berühren durften sie sich nicht. Ein falscher Blick, eine zu große Nähe – und die Wärter stürmten dazwischen. „No physical contact!“ Sie sagten es nicht, sie schrien es. Manche russische Familien wurden vollständig zerschlagen. Die Frau nach Louisiana. Das Kind in ein Heim. Einige Männer erhielten Briefe von ihren Frauen: „Ich habe die freiwillige Ausreise beantragt. Ich kann nicht mehr.“ Und keiner wusste, was schlimmer war – das Dableiben oder das Gehen. Erst rund um den Jahreswechsel begannen sie, Menschen freizulassen, die länger als fünf Monate in Haft waren. Seine Frau wurde im Dezember entlassen, er im Januar. Keine Begründung. Keine Entschuldigung. Nur ein freier Platz in der Zelle.
kaizen-blog.org
„Du bist erledigt – die Richterin mag Russland nicht.“ Der Satz fiel wie ein Stein. Kein juristisches Argument, kein Zweifel, kein Spielraum. Nur ein Urteil, das längst gefällt war, bevor ein Verfahren begann. So klingt es, wenn Gerechtigkeit ersetzt wurde – durch Haltung, Abwehr, Ablehnung. Wer heute als russischer Flüchtling an Amerikas Grenze steht, muss sich nicht schuldig machen. Es reicht, dass er da ist.
Er hatte eine Ohrenentzündung, wartete zwei Monate auf einen Arzt. Am Ende sagte der Beamte: „Wenn Sie einen Schlaganfall bekommen – beantragen Sie doch einfach die Abschiebung.“ Der Satz fiel nicht im Zynismus, sondern in Gleichgültigkeit. Jeder Versuch, sich Gehör zu verschaffen, wurde mit der gleichen Formel abgetan: „Then apply for deportation.“ In dem Lager, in dem er untergebracht war, versuchte ein Mann, sich umzubringen. Man hatte ihm eine Rasierklinge abgenommen und ihn zur Strafe in Einzelhaft gesteckt. Erst als er sich mit bloßen Zähnen die Venen aufriss, wurde er behandelt. Russen hängten sich auf. Diabetiker bekamen keine Medikamente, nur einen Fingerstich zur Blutzuckermessung – dann nichts mehr. Und auch er, sagt er, war irgendwann so krank, dass selbst Schmerzmittel nicht mehr wirkten. In einem der seltenen Momente, in denen man sie nach draußen ließ, traf er jemanden, der mit seiner Frau transportiert worden war. Es stellte sich heraus, dass sie im selben Lager war. Ab der dritten Anhörung wurden sie gemeinsam in den Gerichtssaal gebracht, nebeneinandergesetzt – dann wieder getrennt. Berühren durften sie sich nicht. Ein falscher Blick, eine zu große Nähe – und die Wärter stürmten dazwischen. „No physical contact!“ Sie sagten es nicht, sie schrien es. Manche russische Familien wurden vollständig zerschlagen. Die Frau nach Louisiana. Das Kind in ein Heim. Einige Männer erhielten Briefe von ihren Frauen: „Ich habe die freiwillige Ausreise beantragt. Ich kann nicht mehr.“ Und keiner wusste, was schlimmer war – das Dableiben oder das Gehen. Erst rund um den Jahreswechsel begannen sie, Menschen freizulassen, die länger als fünf Monate in Haft waren. Seine Frau wurde im Dezember entlassen, er im Januar. Keine Begründung. Keine Entschuldigung. Nur ein freier Platz in der Zelle.

Dein Leben gehört dir nicht mehr
„Du bist erledigt – die Richterin mag Russland nicht.“ Der Satz fiel wie ein Stein. Kein juristisches Argument, kein Zweifel, kein Spielraum. Nur ein Urteil, das längst gefällt war, bevor ein Verfahren begann. So klingt es, wenn Gerechtigkeit ersetzt wurde – durch Haltung, Abwehr, Ablehnung. Wer...
